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Aus dem Stiftungsvortrag von J. Gauck. Gegen die "Singularität" des Holocaust.

admin @, Donnerstag, 01. März 2012, 18:05 (vor 2089 Tagen)
bearbeitet von admin, Donnerstag, 01. März 2012, 18:47

Welche Erinnerungen braucht Europa?

Joachim Gauck

[Quelle: http://www.bosch-stiftung.de/content/language1/downloads/Stiftungsvortrag_Gauck.pdf
Hervorhebungen durch mich]

[...]

Ich habe zu lange erlebt, dass in der Erziehung ganzer Gene­rationen die Rolle der Fakten und Realität nachrangig war. Die Leitideologien der diktatorischen Herrscher, die meinen Teil Deutschlands 56 Jahre dominierten, die Völker der Sowjet­union sogar zum Teil 70 Jahre, waren immer wichtiger als die Fakten. Ja, oft war es sogar lebensgefährlich, auf Fakten zu be­stehen, wenn diese der Herrschaft nicht genehm waren. Und war es nicht gefährlich für das Leben, so für Karrieren und den Platz im Gemeinwesen, den Menschen nun einmal anstreben. In der Regel bestand die Ratio der Diktaturbewohner auf der Anpassung an die Faktensicht und -deutung der Macht. Lohnt sich das Festhalten und Behaupten einer historischen, poli­tischen oder moralischen Wahrheit wirklich, wenn man dafür seine berufliche Karriere oder die materielle Sicherheit der Familie riskiert? – So lernte man zu fragen. Für den größeren Teil einer Bevölkerung in Unfreiheit lohnte dies eher nicht. So kommt es zu einem Phänomen, das uns in posttotalitären oder postdiktatorischen Gesellschaften mit einiger Regelmäßig­keit begegnet: dem Verlust an Wirklichkeit (»loss of reality«, Hannah Arendt). Hannah Arendt prägte diesen Begriff wäh­rend ihres ersten Besuches im Nachkriegsdeutschland. Und da ein Verlust in der Regel nach einer Kompensation ruft, tritt an die Stelle der Würde und Bedeutung der Fakten die Rolle von Meinungen.

[...]


III

Nicht nur aus deutscher oder jüdischer Sicht ist die Erinne­rung, Vergegenwärtigung und Darstellung des Holocausts von zentraler Bedeutung. Allerdings wird sich in den kommenden Jahren zeigen, welche Art des Erinnerns und Gedenkens von nachhaltiger Bedeutung sein wird. Nur am Rande sei die Ge­fahr der Trivialisierung des Holocaustgedenkens erwähnt. Un­übersehbar gibt es eine Tendenz der Entweltlichung des Holo­causts. Das geschieht dann, wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird, die letzt­lich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist. Offensicht­lich suchen bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften nach der Dimension der Absolutheit, nach dem Element des Erschauerns vor dem Unsagbaren. Da dem Nichtreligiösen das Summum Bonum – Gott – fehlt, tritt an dessen Stelle das absolute Böse, das den Betrachter erschauern lässt. Das ist paradoxer­weise ein psychischer Gewinn, der zudem noch einen weiteren Vorteil hat: Wer das Koordinatensystem religiöser Sinngebung verloren hat und unter einer gewissen Orientierungslosigkeit der Moderne leidet, der gewinnt mit der Orientierung auf den Holocaust so etwas wie einen negativen Tiefpunkt, auf dem – so die unbewusste Hoffnung – so etwas wie ein Koordinatensys­tem errichtet werden kann. Das aber wirkt »tröstlich« ange­sichts einer verstörend ungeordneten Moderne.

Würde der Holocaust aber in einer unheiligen Sakralität auf eine quasireligiöse Ebene entschwinden, wäre er vom Betrachter nur noch zu verdammen und zu verfluchen, nicht aber zu analysieren, zu erkennen und zu beschreiben. Wir würden nicht begreifen. »Aber der Holocaust wurde inmitten der mo­dernen, rationalen Gesellschaft konzipiert und durchgeführt, in einer hochentwickelten Zivilisation und im Umfeld außer­ gewöhnlicher kultureller Leistungen; er muss daher als Pro­blem dieser Gesellschaft, Zivilisation und Kultur betrachtet werden.« Das nicht zu sehen, es aus dem historischen Gedächt­nis zu verdrängen oder aber entlastende Erklärungsmuster zu akzeptieren, bedeutet die Gefahr einer »potentiell suizidalen Blindheit«. So sagt es der jüdisch-polnische Soziologe Zygmunt Baumann, dem ich meine gewandelte Sicht auf den Holocaust verdanke.

Er verwirft eine Ursachenforschung, die auf die Bestialität der Täter, den Charakter Hitlers, die Unterwürfigkeit der Bevölke­rung, deren Rassenwahn und Ähnliches verweist. Er glaubt nicht, »dass die Ursachenforschung abgeschlossen wäre, wenn Deutschland, den Deutschen und den Nationalsozialisten ihre Schuld moralisch und materiell nachgewiesen sei«.

Und so sieht er die Schrecknisse des Holocausts nicht in einer Beschä­digung, Verletzung der ansonsten intakten Zivilisation. Viel­ mehr ist dieser Schrecken »Produkt« der Zivilisation, oder sagen wird es so: das andere Gesicht der Zivilisation. Demnach wäre dieser Akt eines extrem monströsen Verbrechens eben kein Rückfall in die Barbarei, sondern eine Seinsweise von Ordnungssystemen und Ordnungsträgern, die aus der moder­nen Zivilisation herauswächst. Es ist das, was sein kann – trotz Zivilisation. »Die Vernichtungsmaschine war eine spezielle Ausprägung dieser Ordnung«, so Raul Hilberg.

Es ist eine verstörende Wahrheit, dass das, was Demokra­tie, Rechtsstaat, Grundrechte und Gewaltenteilung fördert, gleichzeitig auch eine Steigerung der Rolle der Rationalität mit sich bringt, wobei Rationalität in diesem Zusammenhang die Rationalität derer ist, die ihre antihumanen Ziele definieren und sie perfekt und zweckorientiert zu erreichen wissen. Und wenn der Zweckrationalität der jeweiligen Macht keine mora­lischen Gegenkräfte entgegenstehen, die das Zivilisatorische an der Zivilisation schützen, ist eine Gefahr in Verzug, die zu Katastrophen wie dem Holocaust führen kann. So gesehen wären die Europäer (und nicht nur die Deutschen) aufgerufen, die Erinnerung an den Holocaust als eine beständige Warnung wachzuhalten. Ihre Botschaft ist universell! Hier aus unserer Mitte können Gesellschaftsentwürfe oder auch Einzelhand­lungen (Hiroshima) erwachsen, die Verlust und Grauen berei­ten anstelle von Fortschritt und Humanität. Mit Raul Hilberg ist Zygmunt Baumann davon überzeugt, dass die eigentliche Lehre nur sein kann, dass wir auch gegenwärtig und zukünftig das »Unvorstellbare einkalkulieren« müssen.

Wenn die Betrachtung des Holocausts so dazu führen kann, dass wir dem Auseinanderfallen von Rationalität und Zweck­ denken und der Moral wehren müssen – und dies bestän­dig und unablässig –, dann wäre wirklich viel gewonnen. Die Moderne hatte zwar dem Menschen Autonomie gebracht, die Bindung an Gott und seine Gebote wurde relativiert und dann aufgegeben. Die neuen Menschen, nun oberste Instanz, Herren, Richter, Lenker und »große Gärtner«, wurden nun aber auch zu der großen Gefahr. Mit den neuen technologischen und pla­nerischen Möglichkeiten erscheint dem omnipotenten Ge­stalter alles machbar. Die neue Gesellschaft scheint machbar, der Mensch, der widerstrebt, muss dann nur noch »umerzo­gen«, wenn nicht anders möglich, auch bestraft oder elimi­niert werden. Große Entwürfe fordern eben Opfer! So entste­hen neue Formen menschlicher Grausamkeit. Die alte Barbarei wird überboten, es entsteht ein »spezifisch moderner Charak­ter« des Inhumanen, der dann »den Gulag, Auschwitz oder Hiroshima« ermöglicht, »diese vielleicht sogar unvermeid­lich« macht.

So weit Baumann. Folgen wir ihm, begreifen wir: Humanität ist nie im sicheren Hafen. Sie zerfällt oder wird be­schädigt, wenn Ratio und Moral gegeneinander stehen. Unsere Zivilisation ist nicht Geschichte im Endstadium, sondern vorü­bergehend gesicherte Existenzform. Um Missverständnisse zu vermeiden, will ich an dieser Stelle, die sehr stark von der universellen Bedeutung der Holocaust-Erinnerung handelte, sagen, dass sich für Deutsche, speziell für die Zeitgenossen des Unheils, immer auch zusätzlich eine eigene Perspektive öffnet. Können unsere europäischen Nach­barn den Ansatz Baumanns analysierend verfolgen, so kön­nen wir das zwar auch, aber hinzu kommt die Bearbeitung der Schuld durch die Schuldigen, das Zulassen von Scham und Trauer, die Bemühung um Wiedergutmachung und Versöh­nung. Und ebendies ist dann eine spezielle, an die Nation, auch an eine spezielle Zeit gebundene Erinnerungsform unserer eu­ropäischen Großgruppe, das lässt sich nicht »europäisieren«.

IV

Wer das Erinnern und Verarbeiten des Holocausts in ­ diesem gedanklichen Rahmen betreibt, für den verbietet sich die Kon­kurrenz zwischen verschiedenen Übeln und Opfern. Er wird
auch einen Vergleich verschiedener Formen von Diktatur und Unmenschlichkeit nicht fürchten.
Vergleichen lehrt ja vor allem auch zu unterscheiden. Vor einigen Monaten hat nun eine Rede der damaligen lettischen Außenministerin Sandra Kalniete für Aufregung gesorgt. Aus der jüdischen Gemeinde und von verschiedenen Debattenteilnehmern war die Sorge zu vernehmen, dass die Erinnerung an das kommunistische Un­recht, die Definitionen desselben und die Form seiner Delegiti­mierung eine Beeinträchtigung der Rolle des Holocausts im eu­ropäischen Denken bedeuten könne. Für manchen Betrachter bedeutet schon der Vergleich der beiden Terrorsysteme, des Nationalsozialismus und des Kommunismus, eine Relativie­rung des Ersteren.

In der Regel ist die Erinnerung an andere Formen von Unrecht aber zunächst einmal ein Gebot der Vernunft wie der Moral. Es ist auch nicht erforderlich, dass eine ewige Hierarchie der
verschiedenen Ausprägungen des Bösen errichtet wird.
Wie bereits gesagt, wird das Land, von dem der Vernichtungskrieg und der Judenmord ausging, immer einer besonderen, vertieften Rezeption bedürfen. Verursacher, Täter und auch ­deren Nachkommen werden eben nicht nur die strafrechtliche, son­dern auch die moralische und metaphysische Schuldbearbei­tung als Folgelasten zu tragen haben.

Aber stellen wir uns einmal vor, die früheren Sowjetbürger würden sich entschließen, dem Holocaust-Gedenken die zen­trale Rolle im nationalen Diskurs zuzuweisen. Wäre nicht ne­ben dem Nutzen, über den ich im vorigen Abschnitt gesprochen habe, vor allem eine starke Verdrängung eigener Schuldanteile die Folge? Käme nicht zum dominierenden Erinnerungsgut »Großer Vaterländischer Krieg«, zu den Opfern, die er ­forderte, und dem Sieg über den Feind ein Schwerpunkt hinzu, der die so notwendige Bearbeitung der Schuld an 70 Jahren Staats­terror unterminieren würde? Natürlich kann man auch aus fremder Schuld etwas lernen. Die eigentlichen, verändernden Lern- und Entwicklungsschritte beginnen aber bei der Ausein­andersetzung mit eigener Schuld, eigenem Versagen. Millionen von Opfern kommunistischer Gewalt bleiben aber ungenannt und weitgehend unbetrauert. Millionenfacher Mord wurde von Tätern und Schreibtischtätern begangen. Das Unrecht wurde in der Justiz praktiziert, die Unwahrheit an Universitäten gelehrt, die Grundrechte der Menschen von kon­kreten Herrschern und deren Großbürokratien eingeschränkt oder gar nicht gewährt. All das wäre nicht nur von Einzelnen und kleinen Gruppen zu bearbeiten. Es ist vielmehr ein großes nationales Thema. Wie für uns in Deutschland der Judenmord das »Schwarze Loch« der Geschichte ist, so ist es für die Ex-Sowjet­union deren einst real existierendes Unrechtssystem.

Schauen wir auf China oder Kambodscha, so liegen deren Auf­arbeitungsschwerpunkte ebenfalls überdeutlich auf der Hand. Wir Deutsche können und wollen solchen Nationen nicht sagen, wie sie was zu tun haben. Aber wir können immerhin bezeugen, dass Verdrängen und Schlussstrich ziehen nur bedingt und begrenzt funktionieren. Wir haben spät und mit Mühe, aber dann doch wirklich gelernt, dass eine Leugnung von Fakten und Schuld an das alte System bindet. Auch im Raum des Poli­tischen gilt: Die Wahrheit kann uns frei machen. Deshalb ist es ein Gewinn, wenn uns aus anderen Teilen Europas je eigene Er­innerungslasten zugemutet werden.

Das westliche Europa hat sehr lange und sehr intensiv an den Leiden Osteuropas vorbeisehen können. Es lohnt sich in die­sem Zusammenhang noch einmal François Furet zur Hand zu nehmen, der 1995 in seinem Buch »Das Ende der Illusionen« derFaszination nachgeht, die für viele europäische Intellektuelle vom Kommunismus ausging. Erschreckend das Ausmaß von Ignoranz und Gutgläubigkeit in weiten Kreisen der Linken, de­ren kritisches Vermögen doch ansonsten besonders stark ausgeprägt war. Es ist doch normal, dass die Völker das Leid, das sie als Opfer des Kommunismus erleiden mussten, dann in den Mittelpunkt stellen, wenn es das größte von ihnen erlittene Unrecht darstellt. Wird man sie darin bestärken, ihnen Empathie und Aufmerksamkeit entgegenbringen, so wird, je weiter sich die Zivilgesellschaft entwickelt, auch der Teil der Geschichte aufgenommen und besprochen, in dem man Verbündeter von Tätern war. Aus Westeuropa hat man Frau Kalniete barsch be­schieden, sie solle einmal zuvörderst der Helfer der Nazis ge­denken, die bei der Judenvernichtung mitgewirkt haben. Ich kann mich nicht erinnern, dass man Frankreich vom Ausland aus seinerzeit so auf Vichy angesprochen hat. Aber als das Frankreich der Nachkriegszeit seine Identität gefestigt hatte, sich selbst seine Résistance glaubte, der eigenen Rolle und Größe wieder traute, da begann im Land eine Bearbeitung der lange verdrängten Kollaboration, übrigens auch weiterer ver­drängter historischer Themen.

Das Einbringen neuer Leidenskapitel und Leidensschwer­punkte in den europäischen Diskurs bedeutet keinen Paradig­menwechsel, wohl aber eine dringend notwendige Paradigmenergänzung. Innerhalb unseres Landes können wir an Orten mit »doppelter Erinnerung« (Buchenwald, Sachsenhausen, ­Torgau) sehen, wie ein Konflikt zwischen verschiedenen Erinnerungs­milieus aufbrechen kann. Hier kann innerhalb eines Landes studiert werden, dass Empathie eine schwer zu erlangende Haltung ist. Zu lernen ist: Eine Gedenkkultur, die eigene Lei­den aufbewahrt und für die Nachkommen aufbereitet, darf eine andere Gedenkkultur, die das Gleiche mit »ihren« Opfern tut, nicht in den Schatten – den Erinnerungsschatten – stellen.

V

Erinnerungen in Europa sind nicht eingepackt in einen Erin­nerungskanon, sie bringen unterschiedliche Schwerpunktthe­men hervor. Auch daraus können Konflikte zwischen ­Gruppen und Großgruppen erwachsen. In den letzten Jahren ist in Deutschland ein lange vernachlässigtes Erinnerungsgut wie­ der aufgetaucht: Deutsche als Opfer. Nach jahrzehntelanger Bearbeitung der deutschen Schuld in vielen Facetten tauchten Bombenkriegsopfer, Flüchtlinge und Vertriebene wieder auf.

Reflexartig wurde auch bei dieser Entwicklung die Warnung vor einer Relativierung der deutschen Schuld vorgebracht, für mich eine überflüssige Sorge. Sehen wir einmal von den Mit­gliedern der rechtsextremen Szene ab, so war nicht zu erken­nen, dass die »neuen« Themen eine Relativierung der deutschenSchuld bewirken sollten (wie einst in der Nachkriegszeit). Viel­mehr dürfen wir es als ein Zeichen geistiger Gesundung sehen, dass wieder Unterscheidungen, Differenzierungen im öffent­lichen Bewusstsein möglich werden, die dem einst erlebten Le­ben und dem Leiden von einst gerecht werden. Aus Angst oder Sorge, missverstanden zu werden, waren diese ­ Themen, seit­ dem die selbstkritischen Debatten dominierten, weitgehend gemieden worden. Wir können eigentlich erfreut feststellen:

Deutschland glaubt an seine eigene Läuterung. Nach­­dem es vor der eigenen Schuld nicht mehr geflohen ist, braucht es auch die eigenen Traumata nicht mehr zu verstecken oder einzuhegen. Wir müssen eben auch die Veränderungen glauben, die sich an uns vollzogen haben. Auch die 68er, die politisch oftmals auf die falsche Fährte gesetzt haben, dürfen doch glauben, dass sie, als sie das Schuldthema auf den Tisch der Nation legten, einen kulturellen Wandel in Gang gesetzt haben. »Gnadenfie­ber« (Ralph Giordano), Selbstmitleid und Verdrängung sind in einem jahrzehntelangen Lernprozess überwunden worden.

Als die Vertriebenen nicht aufhörten, "Schlesien ist unser" zu behaupten, hätte man den Plan, in Berlin ein »Zentrum ge­gen Vertreibungen« zu errichten, nur bekämpfen müssen. In­zwischen aber haben die Vertriebenen, hat die Nation eine menschliche und kulturelle Leistung erbracht, hat den Ver­zicht erlernt. Sicher war das mühsam, aber denken wir an die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, so war es den Deutschen damals nicht möglich, dies zu erlernen. Heute, nach Jahrzehnten der Aufarbeitung, nach der Errichtung eines Mahnmals für un­sere Untaten im Zentrum der Hauptstadt, kann der Plan kein Erschrecken mehr auslösen. Auch hier wird nicht relativiert werden, was an Schuld ewig an unserer Nation hängt. Aber an Verlust und Leiden darf erinnert werden – wem das erlaubt wird, der wird eher Empathie für das Leid anderer Völker und Gruppen aufbringen. Klage bedeutet ja nicht Anklage, Trauer intendiert nicht Revanche. Wer seiner Trauer Raum gibt, ver­mag eher die Trauer und die Verluste anderer anzunehmen.

VI

Auf diesem Wege des Ernstnehmens eigener Verluste könnte auch ein neues Bewusstsein für Werte, Erfolge, Siege, Frie­densbündnisse entstehen. Als älterer Deutscher fürchte ich den Stolz der Nationen – auch die dazugehörenden Denkmä­ler. Zu oft basiert dieser Stolz lediglich auf der Tatsache, zu einer bestimmten Zeit stärker als andere gewesen zu sein, vor allem militärisch stärker. Aber es gibt eine Freude der Davon­gekommenen, der »gebrannten Kinder«, die ich achte und die sich nicht verstecken soll. Und wenn wir fragen, welche Erin­nerungen Europa noch braucht, dann sind es solche, die die geschichtlichen Spuren gewachsener Freiheit nachzeichnen.

Natürlich ist die Geschichte Europas geprägt von Kriegen und Interessenkonflikten. Aber ebenso natürlich ist es doch, dass der, der in seinem eigenen Leben Freiheit entbehrt und für Freiheit gekämpft hat, denen nahe ist, die vor oder neben ihm für die Freiheit gekämpft haben. Wer »Wir sind das Volk« rief, sucht geistig nach Menschen und Orten, die Ähnliches verlau­ten ließen. Dass »liberté, égalité, fraternité« schon vor über 200 Jahren im Nachbarland politisches Programm wurden, gehört eben nicht nur zur französischen und europäischen Politikge­schichte, sondern auch zu meinem gegenwärtigen Verständ­nis von Demokratie und Freiheit und damit zum Kernbestand meines Gedenkens. Und wenn ich andächtig vor der Urschriftder Verfassung der USA stehe (»We, the people ...«), dann habe ich es eben nur zum Teil mit einer fremden Erfahrung zu tun.

Ich werde auch immer die »fremde« freiheitliche Gewerk­schaftsbewegung Polens als meine ureigene Sache empfinden.

So dürfen wir hoffen und wollen dafür arbeiten, dass sich ne­ben der Fülle spezieller Erinnerungsgüter von Gruppen und Na­tio­nen ein Erinnerungsbesitz aufbaut, in dem nicht die Krie­ge und Siege von einst dominieren. Wo irgendwo in Europa Recht über Unrecht gesiegt hat, wo Menschen Freiheit, Würde, Grund­rechte erkämpft haben, wo Friedensschlüsse und Bünd­nisse oft jahrhundertealte Feindschaft beendet haben, da ent­steht dann Erinnerungsgut, auf das sich ganz unterschiedliche Menschen in Europa gemeinsam beziehen können. Einen euro­päischen Verfassungstag können wir ja noch nicht feiern. Aber immerhin könnten wir die Befreiungstage, die Freiheitsorte, die Monumente der Menschen, die das Humanum in ihrer Zeit bewahrten und förderten, kennenlernen und ihre Botschaft uns zunutze machen. Sie halten doppelten Trost für uns bereit: Kein Unrecht währt ewig. Und: Wir haben eine Wahl – uns dem Unrecht zu fügen oder zu widerstehen.


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