Bolz-Zitat

Alles-mach-Hose, Montag, 27. August 2012, 21:48 (vor 1674 Tagen) @ admin

Deswegen folgendes Zitat:

„Prägnanter kann man die Vulgär-Gnosis unserer Zeit nicht charakterisieren: den Kult des Bösen in der Pop-Kultur. Indem er das Sakrament durch das Sakrileg ersetzt, erweist sich dieser Kult des Bösen als eine inverse Religion. Und damit wird auch die Janusköpfigkeit des Teufels als Gutmensch und Dandy verständlich. Denn gerade in einer Gesellschaft der »Gutmenschen«, die die »Menschheit« vergöttlicht, kann der Dandy als Antichrist auftreten. Mick Jagger war Oscar Wildes Luzifer: »his lips were like a proud red flower«. Wie kein zweiter verkörperte er den Teufel als Dandy, präsentierte »Luzifer als infernalisches Mannequin« (Ernst Osterkamp, Darstellungsformen des Bösen, in: Sprachkunst, Jg. V, 1974, S. 193), das man auf dem Laufsteg des Open-Air-Konzerts feierte - »at her satanic majesty's request«. Und die »Gutmenschen« feierten ihren Pop-Gottesdienst dann im Namen von »Jesus Christ, Superstar« - der Teufel selbst hätte es nicht besser formulieren können.“ (Norbert Bolz, Den Teufel ernst nehmen, in: ders., Das Wissen der Religion, 2008, S. 70).

„Wie wird der Kampf mit dem Teufel enden? Bekanntlich glauben die Christen daran, daß Jesus wiederkehren wird, um den Widersacher zu vernichten. Doch nun sind schon zweitausend Jahre verstrichen, ohne daß der Endkampf stattgefunden hätte - und das muß man den Gläubigen erklären. Paulus hat es im Zweiten Brief an die Thessaloniker (2,4-9) mit der Geschichte vom Katechon versucht. Der Widersacher (ho antikeimenos) wird einmal den Tempel besetzen und vorgeben, Gott zu sein. Der Antichrist wird erscheinen wie Christus und Wunder tun - er ist, mit Erik Petersons großartiger Formel, »der Automat Satans.« (Erik Peterson, Satan und die Mächte der Finsternis, in: Der erste Brief an die Korinther und Paulus-Studien, in: Ausgewählte Schriften, Band VII, S. 445). In den Worten des Paulus nach der Einheitsübersetzung: »Der Gesetzwidrige aber wird, wenn er kommt, die Kraft des Satans haben. Er wird mit großer Macht auftreten und trügerische Zeichen und Wunder tun.« (Paulus, Zweiter Brief an die Thessaloniker, 2,9).“ (Norbert Bolz, Den Teufel ernst nehmen, in: ders., Das Wissen der Religion, 2008, S. 70).

„Daß der Gesetzwidrige (ho anomos) bis heute nicht offenbar geworden ist, liegt daran, daß es einen gibt, der ihn jetzt noch aufhält (ho katechon). Der Katechon ist der Aufhalter des Antichrist, und so wie der Antichrist nimmt auch der Katechon in der Geschichte immer wieder konkrete Gestalt an. Das ist das christliche Geschichtsbild, das der katholische Staatsrechtler Carl Schmitt gezeichnet hat. Um die Geschichte post Christum natum sinnvoll zu finden, muß es demnach möglich sein, für jede Epoche den Katechon zu benennen, dessen Leistung je und je darin besteht, das Erscheinen des Antichrist und das Ende des Weltalters aufzuhalten. Schmitt nennt hier ganz konkret die christlichen Kaiser und das »Reich«, aber auch die großen Aufhalter des Islam und des Anarchismus.“ (Norbert Bolz, Den Teufel ernst nehmen, in: ders., Das Wissen der Religion, 2008, S. 70).

„Das Geschichtsbild des Katechon kennt die Beschleuniger und Verzögerer des Endes - aber auch jene Zögerlichen, die die Aufgabe des Katechon verfehlen und dadurch zu »Beschleunigern wider Willen« werden. (Vgl. Carl Schmitt, Staat, Droßraum, Nomos, S. 436). Die Katechontik verleiht der christlichen Geschichtsbetrachtung einen heilsgeschichtlichen Halt, der es Carl Schmitt ermöglicht, der mythischen Selbstverklärung der neuzeitlichen Selbstbehauptung in der Figur des Prometheus eine Gegenfigur christlichen Handelns entgegenzustellen: den christlichen Epimetheus. In scharfer Antithese zur prometheische Technik des Fortschritts ist christliches Handeln Aufhalten und Vorgebot.“ (Norbert Bolz, Den Teufel ernst nehmen, in: ders., Das Wissen der Religion, 2008, S. 71).

„Indem Carl Schmitt die Figur des Katechon, von der Paulus ja noch eindeutig sagt, daß sie »weggetan« (Luther), beseitigt werden muß, historisch positiviert, verändert er die Vorzeichen: Die Katechontik ersetzt die Apokalyptik. Wenn das Ende naht, wird Selbstbehauptung sinnlos. Der Katechon überwindet ja die »eschatologische Lähmung«; er ist die »Geschichtskraft«, die das Böse niederhält. (Vgl. Carl Schmitt, Der Nomos der Erde, 1950, S. 29 und ders., Briefwechsel, S. 164). Geschichtsbewußtsein wird erst möglich, wenn die Eschatologie ausgeschlossen ist; das leistet die Idee des Katechon.“ (Norbert Bolz, Den Teufel ernst nehmen, in: ders., Das Wissen der Religion, 2008, S. 71).

„Immer wieder verkörpert sich der Teufel, und immer wieder tritt ein Katechon auf, der ihn niederhält. Es ist also das Ärgernis für den Glauben, die Parusieverzögerung, die dem Katechon seinen Platz gibt. Und das erweist die Kirche als legitime Geschichtskraft. Schopenhauer hat erkannt, daß gerade die unendliche Parusieverzögerung, die Enttäuschung der eschatologischen Erwartung als Beweis für die Echtheit des Evangeliums verstanden werden kann. Wäre die frohe Botschaft erst hundert Jahre nach Christus und ohne Fundierung in gleichzeitigen Dokumenten verfaßt worden, so hätten sich die Autoren die Peinlichkeit einer unerfüllten Prophezeiung gewiß erspart. Die Antwort an die zweifelnden Gläubigen lautet: Das Ende ist noch nicht gekommen, weil es je und je aufgehalten worden ist. Und hier zeichnet sich schließlich der konservative Grenzwert jeder Katechontik ab: Der Gnadenschatz der Kirche macht die Eschatologie überflüssig.“ (Norbert Bolz, Den Teufel ernst nehmen, in: ders., Das Wissen der Religion, 2008, S. 71).


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