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Nationalsozialismus: Rechts- oder eher Links-Ideologie? Haffners Meinung.

admin @, Freitag, 04. Juni 2010, 17:07 (vor 2664 Tagen) @ admin
bearbeitet von admin, Samstag, 05. Juni 2010, 11:05

Zitate aus "Anmerkungen zu Hitler" von Sebastian Haffner (11.Auflage, München).


Seite 75-77
Die einzigen innenpolitischen Gegner oder Konkurrenten, mit denen Hitler in den Jahren 1930-1934 ernsthaft zu rechnen und zeitweise zu kämpfen hatte, waren die Konservativen. Die Liberalen, Zentrumsleute und Sozialdemokraten haben ihm nie im geringsten zu schaffen gemacht, ebensowenig die Kommunisten. [...] Und diese Opposition kam von rechts. Von ihr aus gesehen stand Hitler links.

Das gibt zu denken. Hitler ist keineswegs so leicht als extrem rechts im politischen System einzuordnen, wie es viele Leute heute zu tun gewohnt sind. Er war natürlich kein Demokrat, aber er war ein Populist: ein Mann, der seine Macht auf Massen stützte, nicht auf Eliten; in gewissem Sinne ein zu absoluter Macht gelangter Volkstribun. Sein wichtigstes Herrschaftsmittel war Demagogie, und sein Herrschaftsinstrument war keine gegliederte Hierarchie, sondern ein chaotisches Bündel unkoordinierter, nur durch seine Person an der Spitze zusammengehaltener Massenorganisationen. Alles eher "linke" als "rechte" Züge.


Offensichtlich stand Hitler in der Reihe der Diktatoren des zwanzigsten Jahrhunderts irgendwo zwischen Mussolini und Stalin - und zwar, bei genauerem Hinsehen, näher bei Stalin als bei Mussolini. Nichts ist irreführender, als Hitler einen Faschisten zu nennen. Hitler hat wohl Massen begeistert, aber nie, um dadurch eine Oberklasse abzustützen. Er war kein Klassenpolitiker, und sein Nationalsozialismus war alles andere als ein Faschismus. Wir haben bereits im vorigen Kapitel gesehen, daß seine "Sozialisierung der Menschen" genaue Entsprechungen in sozialistischen Staaten wie etwa der heutigen Sowjetunion und DDR hat - Entsprechungen, die in faschistischen Staaten höchstens kümmerlich entwickelt sind. Von Stalins "Sozialismus in einem Lande" unterschied sich Hitlers "Nationalsozialismus" (man beachte die terminologische Identität!) freilich durch das weiterbestehende Privateigentum an Produktionsmittel, für Marxisten ein gravierender Unterschied. Ob er in einem totalitären Befehlsstaat wirklich so gravierend ist, bleibe dahingestellt. Aber die Unterschiede zum klassischen Faschismus Mussolinis sind noch gravierender: keine Monarchie, daher keine Absetzbarkeit und Auswechselbarkeit des Diktators, keine feste Hierarchie in Partei und Staat, keine Verfassung (auch keine faschistische!), kein wirkliches Bündnis mit den traditionellen Oberklassen, am wenigstens irgendwelche Hilfsdienste für sie.

Seite 109:
Mit dem Marxismus hat der Hitlerismus wenigstens eines gemein: den Anspruch, die gesamte Weltgeschichte aus einem Punkt zu erklären: Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist eine Geschichte von Klassenkämpfen", heißt es im Kommunistischen Manifest, und ganz entsprechend bei Hitler: "Alles weltgeschichtliche Geschehen ist nur die Äußerung des Selbsterhaltungstriebes der Rassen."

Solche Sätze haben eine große Suggestionskraft. Wer sie liest, hat das Gefühl, daß ihm plötzlich ein Licht aufgeht: Das Verworrene wird einfach, das Schwierige leicht. Sie geben dem, der sie willig akzeptiert, ein angenehmes Gefühl von Aufgeklärtheit und Bescheidwissen, und sie erregen außerdem eine gewisse wütende Ungeduld mit denen, die sie nicht akzeptieren, denn als Oberton schwingt in solchen Machtworten immer mit: "...und alles andere ist Schwindel." Man findet diese Mischung von Überlegenheitsdünkel und Unduldsamkeit gleichermaßen bei überzeugten Marxisten und bei überzeugten Hitleristen."


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