Zur Frage der Übersetzung

trel ⌂, Montag, 09. Mai 2016, 16:01 (vor 561 Tagen) @ Bernhard
bearbeitet von trel, Montag, 09. Mai 2016, 16:18

Jener von Ihnen gegebene komplett kirchenkonform pervertierte und mithin bis ins wesentliche Detail hinein vollkommen verfälschte "Bibeltext" ist gänzlich unbrauchbar und kann meinerseits zur fruchtbaren Diskussion und vertieften Erkenntnisfindung nicht herangezogen werden.

Hallo Bernhard,

nun mal sachte!

Durch Tomberg bin ich darauf gekommen, daß Emil Bock nicht nur sehr eigenwillig, sondern bisweilen sogar eindeutig falsch - und damit ein Verständnis erschwerend - übersetzt.

In vorliegendem Falle ist die Formulierung "das Männliche im Menschen" statt "der Mann" eine falsche, weil relativierende Übersetzung. Hier dient sie vermutlich auch dazu, das weibliche Priesteramt, wie es in der Altkatholischen Kirche und, daran anschließend, in der durch Steiner inaugurierten Christengemeinschaft üblich ist, zu rechtfertigen. (Steiners Kindheit war durch den Altkatholizismus seines Vaters geprägt.)

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Auch dem Steiner sind in seinen Bibel-Interpretationen bisweilen Fehler, sogar gravierende Fehler unterlaufen, siehe den Artikel "Geistesschau oder Verstandeswissen" von Hellmut Haug aus Die Drei, 2002, Heft 5, Seite 64 f.:

Ich zitiere:

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Steiner hat sich als Vortragender jedoch nur selten die Mühe gemacht, die Herkunft seines Wissens im jeweiligen Einzelfall ausdrücklich zu kennzeichnen – mit der bekannten Folge, dass »gläubige« Anhänger auch offenkundige, längst aufgedeckte Irrtümer als unfehlbare, aus dem Mund des Geistesforschers legitimierte Wahrheiten weiterverkünden. Es wäre wünschenswert, dass dies immer wieder ins Bewusstsein gerufen und vielleicht auch einmal in einem größeren Zusammenhang aufgearbeitet würde. Anthroposophen könnten dadurch gesprächsfähiger werden im Umgang mit Kritikern als auch mit Sympathisanten, und es würde dem verhängnisvollen Eindruck entgegengewirkt, sie würden nur blindlings die Worte ihres Meisters »nachbeten«.

Zur Verständigung und Illustration gebe ich ein Beispiel aus einem Bereich, der mir durch langjährige Studien vertraut ist: der Deutung der Evangelien.

Steiner hat selbst immer wieder betont, dass er seine Aussagen über den Christus Jesus nicht aus den Evangelienschriften gewonnen hat, sondern in diesen nur wiederfindet, was er unabhänig davon aus der Geistesschau geschöpft hat. Aber er hat sich dieses »Wiederfinden« offensichtlich nicht noch einmal durch Geistesforschung bestätigen lassen und in der Regel nicht erforscht, ob sein Verständnis des Evangelientextes an der betreffenden Stelle auch dem ursprünglich von den biblischen Verfassern intendierten Sinn entspricht. Ihm genügte der einfache Anschein einer ihn spontan überzeugenden Plausibilität. So etwa in den Hamburger Vorträgen über das Johannes-Evangelium, in denen Steiner den Bibelvers »Der mein Brot isset, der tritt mich mit Füßen« ausdeutet: »Dieses Wort muss wörtlich genommen werden. Der Mensch isst das Brot der Erde und wandelt mit seinen Füßen hier auf dieser Erde herum. Ist die Erde der Leib des Erdengeistes, das heißt des Christus, dann ist der Mensch derjenige, der mit den Füßen herumwandelt auf dem Erdenleib, der also den Leib dessen, dessen Brot er isst, mit Füßen tritt.«

Jeder, der den vorausgehenden Text im 13. Kapitel des Johannes-Evangeliums gelesenhat, wird von dieser Deutung überrascht sein; denn sie isoliert das betreffende Wort und reißt es aus dem Zusammenhang, in dem es als »Schriftbeweis«, prophetische Voraussage für den Verrat des Judas fungiert: Der Jünger, der von Jesus nachher den Bissen Brot gereicht bekommt und also »sein Brot isst«, wird ihn verraten, »mit Füßen treten.« Eigentlich müsste man schon stutzig werden, wenn die Fußtritte abmildernd als »auf der Erde herumwandeln« gedeutet werden; aber wenn man den griechischen Text heranzieht, wird der hergestellte Bezug vollends unmöglich. In der Wiedergabe des von Steiner geschätzten und in anderen Fällen auch benutzten neutestamentlichen Exegeten Karl Weizsäcker liest es sich so: »Der mit mir (hier folgt Weizsäcker einer anderen, aber wohl nicht authentischen Textüberlieferung, H.H.) das Brot isset, hat seine Ferse wider mich erhoben.«

Das ist ein feindseliger Akt, mit dem man einem am Boden Liegenden noch einen Fußtritt versetzt, und genau in diesem Sinn findet sich das Wort in dem Psalm, der hier als Beleg dafür angeführt wird, dass mit dem Verrat des Judas »die Schrift erfüllt werden musste« (Ps. 41, 10).

Was Steiner in dieses Wort hineinliest (»Christus als Geist der Erde«), wird nicht falsch dadurch, dass er es zu Unrecht gerade in diesem Textwort wiederzufinden glaubt; aber dem Wortlaut des Evangeliums tut er Gewalt an, und man wird nicht länger sagen dürfen: hier steht es! Eine solche Behauptung wird durch klare und eindeutige Philologie falsifiziert.

Das Pikante in diesem Fall ist, dass Steiner zu seiner Deutung nur kommen konnte, weil er gar nicht den griechischen Text und auch nicht seinen sonstigen Gewährsmann Weizsäcker konsultiert, sondern einfach die Lutherbibel aufgeschlagen hat. Nur hier findet sich wörtlich das, was er im Vortrag anführt. Luther hat nach seiner Gewohnheit für den griechischen (und hebräischen) Ausdruck ein ihm geläufiges deutsches Idiom eingesetzt: einen Fußtritt geben statt die Ferse gegen jemand erheben; denn »so redet der deutsche Mann«, wie er sich im »Sendbrief vom Dolmetschen« für solche Freiheiten rechtfertigen wird.

Ich habe das Beispiel gewählt, weil es so eindeutig und unwidersprechlich ist, während in anderen Fällen griechische Spezialkenntnisse zur Beurteilung nötig sind. Solche Beobachtungen sollten uns davon abhalten, Skeptiker durch Bibelzitate (»Hier steht es doch!«) von der Wahrheit Steinerscher Aussagen überzeugen zu wollen, etwa auch im Fall der beiden Jesusknaben, über die wir in den Evangelien zwar Andeutungen haben, aber das Entscheidende eben doch nicht dem Bibeltext zu entnehmen ist.

Und selbst wenn der »Beweis« einmal schlüssig ist: Das Beweisenwollen aus dem Bibelbuchstaben ist auch aus esoterischer Sicht der falsche Weg. Es verstellt für diejenigen, die wir zu überzeugen suchen, den Zugang zu der Wirklichkeit, von der wir sie überzeugen wollen, und setzt sie auf die falsche Fährte. Ob gewollt oder ungewollt leiten wir sie dazu an, das, was uns hinaufziehen soll, zu uns herabzuziehen und es unserem unverwandelten Verstand als unverdautes »höheres Wissen« einzuverleiben. Da kann es dann sogar etwas Befreiendes haben, wenn dem Schriftbeweis der Boden entzogen wird. Die Frage der Inspiration der Evangelien wird durch solche Einzelkritik nicht berührt und muss auf einer anderen Ebene entschieden werden.

Ich weiß nicht, ob es auf anderen Sachgebieten bei Rudolf Steiner eine ähnlich komplizierte »Gemengelage« gibt, aber Anlass zur Unterscheidung zwischen unmittelbarer Geistesschau und Tatsachenbehauptung aus bloßem Verstandeswissen dürfte auch anderswo gegeben sein. Ob sich jemand dazu äußern kann?

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Zitat-Ende.

So besehen, würde ich auch mit Vorwürfen wie "komplett kirchenkonform pervertierte und mithin bis ins wesentliche Detail hinein vollkommen verfälschte "Bibeltext"" vorsichtig sein!

Gruß
Thomas


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