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Die Vaterunser-Bitte: "Geheiligt werde dein Name." Ihr tieferer Sinn.

admin @, Dienstag, 22. Februar 2011, 10:13 (vor 2829 Tagen)

Valtentin Tomberg schreibt in den "Anthroposophischen Betrachtungen über das Neue Testament und die Apokalypse", S. 122 f., dazu das Folgende:

Das Ich des Menschen ist sein wahrer Name im Kosmos. Diesen Namen kann nur der betreffende Mensch selbst aussprechen [...]. Kein Mensch kann dem anderen gegenüber "Ich" sagen; dieses Wort hat nur Sinn und Bedeutung, wenn es aus dem Munde des betreffenden Menschen selbst vernommen wird. Diese Widersinnigkeit des ureigenen Namensgebrauches des einen Menschen gegenüber dem anderen Menschen ist gleichzeitig ein Ausdruck der Unantastbarkeit des inneren Heiligtums, der Freiheit, des Ichs. Die Unaussprechlichkeit des "Namens" des anderen Menschen ist der alleräußerste sinnfällige Ausdruck der Tatsache des Geschütztseins dieses Namens, als des Ureigentums des Menschen, vor Mißbrauch - d.h. vor der Vergewaltigung seiner Freiheit. Daß das Heiligtum des menschlichen Namens geheiligt wird - dafür ist vom Weltenkarma solange gesorgt, als der Mensch selbst seinen "Namen" nicht verrät, d.h. die Freiheit nicht selbst aufgibt und sich vor einer anderen Gewalt bewußt beugt (Lukas 4.7).

Kann der menschliche "Name" nur von dem betreffenden Menschen selbst "ausgesprochen" werden, so kann der "Name" des Vater-Gottes von niemand im obigen Sinne "ausgesprochen" werden. Denn die Individualitäten der Wesen der Welt sind aus der Vaterwesenheit entstanden, sodaß die Vaterwesenheit allen Wesen gegenüber transsubjektiv ist, d.h. hinter dem individuellen Subjekt steht. Und indem die Individualitäten der Wesen da sind, spricht die Vaterwesenheit ihren "Namen" selbst aus.

Die einzelnen Wesen sind "Buchstaben", durch welche das "Wort" des vom Vater gesprochenen Namens zum Ausdruck kommt. Und die Gesamtheit der menschlichen Individuen bedeuten den Namen des Vaters, wie er sich durch die menschliche Hierarchie [d.h. hier: die Menschheit] in der Welt kundtut. Darum sagt die erste Bitte des Vaterunsers ihrem Inhalt nach:

"Geheiligt werde die Freiheit aller Individualitäten der Menschheit, wie die Freiheit der einzelnen Individualitäten geheiligt ist, denn die Freiheit des Einzelnen (sein "Name") hat nur dann Sinn und Bedeutung, wenn sie in dem großen Freiheitsnamen der Menschheit, welcher der Name des Vater ist, mittönt." -
[Fettdruck durch mich.]

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Das sind tiefe und erhellende Worte. Warum stelle ich sie in dieses Forum ein? Mir ist daran gelegen, mitzuhelfen, den abgerissenen Zugang zum Christentum, das unsere abendländische Kultur geprägt hat, wieder herzustellen.

Dieses Christentum ist verleugnet worden und wird immer mehr verleugnet. Ja, es wird als ein Hindernis zur Erlangung der Menschenwürde "entlarvt". In Wirklichkeit ist genau das Gegenteil der Fall: Nur der aktive Glaube an das, was das Christentum uns vermittelt, garantiert unsere Menschenwürde, ja hat diesen Begriff überhaupt erst geschaffen.

Es hat also seinen guten Sinn, das Vaterunser täglich zu sprechen. Da die Worte "ich" und "mein" darin nicht vorkommen, umso häufiger aber das Wort "unser", kann es zu egoistischen Zwcken nicht mißbraucht werden. Wer das Vaterunser betet, der erkennt an, daß die eigene Freiheit immer auch die Freiheit der anderen ist.

Das gewohnheitsmäßige Sprechen des Vaterunsers über viele Jahre hat eine durchaus magische Wirkung: Es verändert die Welt, und ebenso einen selbst.

trel


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