Exkurs: Kulturtheorie von Oswald Spengler und Hubert Brune

Herr Schütze ⌂ @, Mittwoch, 02. März 2011, 20:51 (vor 2724 Tagen) @ admin

Spenglers Werke sind unbedingt zu empfehlen, nicht nur sein Hauptwerk Der Untergang des Abendlandes (**), sondern auch seine nicht so bekannten Werke, besonders z.B. Preußentum und Sozialismus (**) und Jahre der Entscheidung (**). Daß Spengler „im heutigen Wissenschaftsbetrieb nicht viel gilt“, wie Sie schreiben, ist nicht ganz richtig; wenn Sie geschrieben hätten: „in der »Bundesrepublik« und den Teilen der Welt, die der ihr gehorchen, an deren Wesen die Welt genesen soll“, dann ja; aber die Tatsache dieses Tabus verdeutlicht sogar noch mehr, wie aktuell Spenglers Thesen auch und gerade heute sind und in Zukunft vielleicht sogar noch mehr sein werden. Ähnliches gilt für Goethe, wenn man an Spenglers Methode denkt, und für Nietzsche, wenn man an Spenglers Fragestellungen denkt; denn in Spenglers Hauptwerk heißt es ja im Vowort: „Zum Schlusse drängt es mich, noch einmal die Namen zu nennen, denen ich so gut wie alles verdanke: Goethe und Nietzsche. Von Goethe habe ich die Methode, von Nietzsche die Fragestellungen, und wenn ich mein Verhältnis zu diesem in eine Formel bringen soll, so darf ich sagen: ich habe aus seinem Augenblick einen Überblick gemacht. Goethe aber war in seiner ganzen Denkweise, ohne es zu wissen, ein Schüler von Leibniz gewesen. So empfinde ich das, was mir zu meiner eigenen Überraschung zuletzt unter Händen entstanden ist, als etwas, das ich trotz des Elends und Ekels dieser Jahre mit Stolz nennen will: als eine deutsche Philosophie.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. IX **).

[image]Sie sagten, daß Sie das „Konzept von Spengler ... noch nicht gut“ kennen und sich in das Konzept „von Hubert Brune ... auch erst gründlicher einarbeiten“ müssen. Sie können jedoch mit dem Konzept von Hubert Brune auch das Konzept von Spengler kennenlernen, weil es „nicht unerheblich von Goethe und Nietzsche, also am meisten von Spengler beeinflußt“ (**) ist, „sich aber trotzdem in gar nicht wenigen Aspekten von diesen“ (**) abhebt und deshalb als doch ziemlich unabhängig zu bezeichnen ist. Brunes Konzept von den zwei menschlichen Kulturerscheinungen - quasi als den zwei Kulturbahnen (**) - ist zwar laut eigener Aussage „sogar bisher von niemanden sonst vorgestellt worden, also einzigartig“ (**), doch sind auch in Brunes Theorie „Kulturen im allgemeinen und im besonderen (z.B. die verschiedenen Historienkulturen) als den Lebewesen sehr ähnlich aufzufassen. Außerdem sind alle Historienkulturen als Abweichungen (besonders in der künstlerischen Art bzw. Form) von der Menschenkultur zu verstehen, in die sie über ihre Modernen und Zivilisationen allmählich wieder einmünden - allerdings auf jeweils andere, nämlich kulturspezifische Art und Weise. Insofern und auch aufgrund anderer Hypothesen, z.B. auch der über die »vorgeburtliche« Existenz einer jeden Kultur, unterscheidet sich“ Brunes „Kulturtheorie auch sehr von Spenglers Kulturtheorie.“ (**). Spenglers Kulturtheorie wird dennoch auf vielen Webseiten von Hubert Brune vorgestellt und erklärt (vgl. http://www.Hubert-Brune.de). Anschaulich wird das z.B. auch dadurch, daß Brune Spenglers „Tafeln zur vergleichenden Morphologie der Weltgeschichte“ (**) jeweils unten mit einem Kommentar versehen und dabei erklärt, wie sehr sich seine Theorie von der Spenglers unterscheidet (**).

[image]Zu dem von Ihnen angesprochenen Todestrieb: Es mag sein, daß er als Begriff zu abstrakt ist - ähnlich wie die von Ihnen erwähnten „3 Gruppen von zerstörerischen Wesenheiten“ (**); aber ich habe mich auf ihn wie auf den Lebenstrieb nur bezogen, um deutlich zu machen, daß es im Leben sowohl einen Auf- als auch einen Abbau gibt, daß es im Leben so etwas wie Winter, Frühling, Sommer, Herbst und eventuell wieder Winter u.s.w. gibt. (Vgl. Abbildung). Die Genetik zeigt uns ebenfalls, daß es so ist. Das, was ich zum Todestrieb in diesem Forum auch schon in einem „früheren Beitrag“ (**) geschrieben habe, bezieht sich auf die auch eine Kulturgenetik (**) beinhaltende Kulturtheorie von Hubert Brune.

[image]Die von Ihnen angesprochenen „Zwölftel der durch die Präzession bedingten Verschiebung des Frühlingspunktes im Tierkreis“ (**) spiegeln auch in ungefähr die von Spengler und Brune in ihren jesweiligen Kulturtheorien veranschlagten Kulturphasen und deren Dauer wieder. Besonders bei Brune: 12 Kulturphasen - verteilt auf die 4 Jahreszeiten -, die sich, nachdem sie „abgelaufen“ sind, auf stark abschwächte Weise formell „wiederholen“, und zwar in so schwacher Ausprägung, wie es vor dem Beginn der ersten Historienkultur Mesopotamien/Sumer schon der Fall war. (Vgl. Abbildung). Das heißt: Historienkulturen sorgen für die starken Schwingunge, die großen Amplituden - in positiver wie negativer Hinsicht. Sind für eine Kultur ihre 12 Kulturphasen beendet, ist für sie auch ihr aktiver Anteil an der Geschichte bebendet. Wir Abendländer befinden uns gegenwärtig - gemäß Brunes Theorie - am Beginn der 12. Kulturphase, die Brune Befruchtung oder Cäsarismus nennt, womit er auch den Globalismus meint, wie er sagt (**). Das, was wir Abendländer heute „Globalisierung“ (Globalismus ist aber zutreffender) nennen, gab es in unterschiedlich stark ausgeprägter Form in den anderen Historienkulturen auch.

Das von Ihnen angepriesene „anthroposophische Konzept verschiedener Autoren, das - angeblich, und für mich glaubwürdig - durch geistige Empirie gewonnen wurde“ (**), ist mir nicht so sehr bekannt. Ich kenne Rudolf Steiner nicht besonders gut, aber immerhin ein Buch von ihm: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? (1904). Es tut mir leid, daß ich mich noch nicht mehr mit „Anthroposophie“ beschäftigt habe; ich kann hier nur mit einer Ausrede parieren: Ich halte die „Anthroposophie“ - vielleicht fälschlicherweise - für ein bißchen „zu abgehoben“. Aber vielleicht wird sich meine Einstellung noch ändern. Ich bin ein sehr an der Wissenschaft orientierter, sie auch mit (philosophischer) Skepsis begegnender Mensch. Damit will ich aber nicht sagen, daß ich Agnostiker oder Atheist sei.

Danke für Ihre Antwort und schönen Gruß!

Herr Schütze


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