Goethe, Nietzsche, Steiner, Spengler, Brune u.a.

Herr Schütze ⌂ @, Donnerstag, 03. März 2011, 22:37 (vor 2757 Tagen) @ admin

Spengler hat Naturwissenschaften und Mathematik studiert. Was die zeitgenössischen Erkenntnisse der Naturwissenschaften angeht, so läßt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen, daß Spengler sie weniger wie Goethe (z.B. gegen Newtons Physik) bekämpft, sondern mehr wie Nietzsche akzeptiert hat, obwohl er Goethe verehrt hat wie niemanden sonst. „Die Menschheit“ aber haben alle drei abgelehnt.

„Aber »die Menschheit« hat kein Ziel, keine Idee, keinen Plan, so wenig wie die Gattung der Schmetterlinge oder der Orchideen ein Ziel hat. »Die Menschheit« ist ein zoologischer Begriff oder ein leeres Wort.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 28 **).

In der Fußnote dazu ist zu lesen:

„»Die Menschheit? Das ist ein Abstraktum. Es hat von jeher nur Menschen gegeben und wird nur Menschen geben« (Goethe zu Luden).“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917, S. 28 **).

Ich füge hier zwei Textbeispiele an, die verdeutlichen, wie wichtig der Kontext ist:

Das Leben hat ein Ziel. Es ist die Erfüllung dessen, was mit seiner Zeugung gesetzt war. Aber der einzelne Mensch gehört durch seine Geburt entweder einer der hohen Kulturen an oder nur dem menschlichen Typus überhaupt. Eine dritte große Lebenseinheit gibt es für ihn nicht. Aber damit liegt sein Schicksal entweder im Rahmen der zoologischen oder der »Weltgeschichte«. Der »historische Mensch«, wie ich das Wort verstehe und wie es alle großen Historiker immer gemeint haben, ist der Mensch einer in Vollendung begriffenen Kultur. Vorher, nachher und außerhalb ist er geschichtslos. Dann sind die Schicksale des Volkes, zu dem er gehört, ebenso gleichgültig wie das Schicksal der Erde, wenn man es nicht im Bilde der Geologie, sondern der Astronomie betrachtet.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917-1922, S. 613 **).

Das Leben hat kein »Ziel«. Die Menschheit hat kein »Ziel«. Das Dasein der Welt, in welcher wir auf unserm kleinen Gestirn eine kleine Episode abspinnen, ist etwas viel zu Erhabenes, als daß Erbärmlichkeiten wie »das Glück der meisten« Ziel und Zweck sein könnten. In der Zwecklosigkeit liegt die Größe des Schauspiels. So empfand es Goethe. Aber dieses Leben, das uns geschenkt ist, diese Wirklichkeit um uns, in die wir vom Schicksal gestellt sind, mit dem höchstmöglichen Gehalt erfüllen, so leben, daß wir vor uns selbst stolz sein dürfen, so handeln, daß von uns irgend etwas in dieser sich vollendenden Wirklichkeit fortlebt, das ist die Aufgabe.“ (Oswald Spengler, Preußentum und Sozialismus, 1919, S. 85 **).

Hat - laut Spengler - das Leben nun ein Ziel oder nicht?

[image]Eines ist sicher: Spengler ging es in dieser Frage um seinen Protest „gegen zwei Annahmen, die alles historische Denken bis jetzt verdorben haben: gegen die Annahme eines Endziels der gesamten Menschheit und gegen die Leugnung von Endzielen überhaupt.“ (Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, 1917-1922, S. 613 **). In diesem Zusammenhang lassen sich auch die nur zunächst widersprüchlich erscheinenden Antworten auf die Frage nach dem „Ziel des Lebens“ und auch die Antwort auf die Frage nach „der Menschheit“ richtig verstehen. Spengler könnte also trotzdem auch mit einer die Menschheit mit einschließenden Kulturtheorie einverstanden sein,
und eine solche ist die von Hubert Brune. Laut Brune verläuft „die Geschichte der Menschheit ... auf mindestens zwei Bahnen (siehe Abbildung), und das heißt: die Menschwerdung (die 3. Kultur) ist als Menscheitsgeschichte die Bahn (»M«), auf der die Menschheit ihr WORUM-ES-GEHT (die 1. Kultur als „Zentrum“) umkreist, während sie selbst von jeder Historienkultur auf einer zweiten Bahn (»H«), die wir Kulturgeschichte (die 5. Kultur) nennen, umkreist wird. Denn: Um die Natur (bzw. Gott, Naturtechnik o.ä.) dreht sich die Menschwerdung (Menschen-Kultur), die von der Historiographik (vertreten durch die Historienkulturen) umkreist wird - also müssen sich beide um die Natur (bzw. Gott o.ä.) drehen. Menschen müssen also mindestens zwei Bahnen oder Ebenen berücksichtigen - aber dabei ihre Eigendrehung und Neigung nicht vergessen -, wenn sie ihre eigene Entwicklung verstehen wollen, wobei die erste Bahn bedeutender ist als die von ihr abhängige zweite Bahn. Wahrscheinlich wird die erste Bahn die zweite Bahn überdauern, aber es ist auch möglich, daß beide gleichzeitig verschwinden werden (**). Falls ja, wird das dann mit oder ohne „Zivilisation“ geschehen?“ (Hubert Brune, Kulturbahnen, in: http://www.Hubert-Brune.de **).

Nun zu Steiner:

Ich weiß, daß Steiner mit Goethe sehr vertraut war, daß er Bücher zu bzw. über Goethe und Nietzsche geschreiben hat (Beispiele: Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften, 1882-1897; Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, mit besonderer Rücksicht auf Schiller, 1886; Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit, 1895; Goethes Weltanschauung, 1897; Goethes Geistesart in ihrer Offenbarung durch seinen „Faust“ und durch das Märchen von der Schlange und der Lilie, 1918) und daß das „auf Goethe fussende organische Denken (»Goetheanismus«) ... eine der Grundlagen der Anthroposophie überhaupt“ (). Auch ist mir das Goetheanum bekannt. Nur habe ich mich mit Steiner offenbar nicht intensiv genug beschäftigt, um mich näher zu dem, was Sie über ihn sagen, äußern zu können. Vielleicht erzählen Sie mir einfach mehr über Steiner und bekommen im Gegenzug mehr Wissenswertes über Spengler und Brune.


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