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Versuch einer Annäherung auf philophischer Ebene.

admin @, Freitag, 04. März 2011, 21:51 (vor 2722 Tagen) @ Herr Schütze

Guten Abend Herr Schütze,

das ist ein gutes Dialog-Angebot Ihrerseits, daß wir versuchen, unsere Standpunkte kennenzulernen. Ich habe versucht, auf der Seite von H.Brune mich zu orientieren, aber es fällt mir zunächst schwer. Übersichtlich ist die Darstellung schon, aber die Denkweise ist ungewohnt - für meinen ersten Eindruck schematisierend, konstruierend.

Vielleicht können wir uns auf einer philosophischen Ebene annähern. Nehmen wir einige polarisierende Gegenüberstellungen, die Tomberg in Anbetracht der neunten Tarot-Karte ("Der Eremit") vornimmt. Es sind:

1. Die Antinomie Idealismus - Realismus;
2. die Antinomie Realismus - Nominalismus;
3. die Antinomie Glaube - empirische Wissenschaft.

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1. Die Antinomie "Idealismus - Realismus"

Sie läßt sich auf zwei entgegengesetzte Formeln zurückführen:

"Das Bewußtsein oder die Idee geht jeder Sache vorher" - die Formel des Idealismus;

und

"Das Ding (res) geht jedem Bewußtsein oder jeder 'Idee' vorher" - die Grundformel des Realismus.

Der Idealist (z.B. Hegel) hält jedes Ding für eine Form des Denkens, während der Realist (z.B. Spencer) behauptete, daß die Objekte der Erkenntnis eine Existenz, unabhängig vom Denken oder vom Bewußtsein des Subjekts der Erkenntnis haben. Der Realist sagt, daß man - auf dem Wege der Abstraktion - Begriffe, Gesetze und Ideen von Objekten der Erkenntnis herleitet. Der Idealist dagegen sagt, daß man - auf dem Wege der Konkretisierung - Begriffe, Gesetze und Ideen des Subjektes der Erkenntnis in die Objekte hineinlegt.

Der Realist stellt die Theorie von der Wahrheit als sogenannter "Übereinstimmung" auf, d.h., daß Wahrheit die "Übereinstimmung zwischen Objekt und Intellekt" ist. Der Idealist stützt sich auf die Theorie von der Wahrheit als sogenannter "Kohärenz", d.h., daß Wahrheit der Zusammenhang - oder die Abwesenheit von Widersprüchen - bei der Handhabung der Ideen, Begriffe und Objekte (die nur Begriffe sind) durch den Intellekt ist.

Gemäß dem Realismus ist wahr, was im Intellekt mit dem Gegenstand übereinstimmt. Gemäß dem Idealismus ist wahr, was ein zusammenhängendes System im Intellekt bildet.

Die ganze Welt, genau widergespiegelt im Intellekt, ist das Erkenntnisideal des Realismus. Die ganze Welt, wie sie die Postulate und Kategorien des Intellekts als ein einziges zusammenhängendes System widerspiegelt, ist das Erkenntnisideal des Idealismus.

"Die Welt führt das Wort, und der menschliche Intellekt hört ihr zu", sagt der Realismus. "Der Intellekt führt das Wort, und die Welt ist dessen Widerschein", sagt der Idealismus.

"Nihil in intellectu quod non prius fuerit in sensu - Das Ding (res) geht jedem Bewußtsein oder jeder 'Idee' vorher" ist die jahrtausendealte Formel des Realismus. "Nihil in densu quod non prius fuerit in intellectu - Das Bewußtsein oder die Idee geht jeder Sache vorher" ist die Gegenformel des Idealismus.

Wer hat recht? Der Realismus mit seinem Idol des Dinges (res), das dem Denken vorausgeht, und mit seinem urpersischen Dualismus von Finsternis (Ding) und Licht (Gedanke), der aus ihnen entspringt und geboren ist? Oder der Idealismus mit seinem Idol des menschlichen Intellekts, den er auf den Thron Gottes setzt, und mit seinem pan-intellektuellen Monismus, in dem es weder Platz gibt für die "Vollkommene Schwärze" der übermenschlichen Weisheit, die in dem geheiligten Buch des Hermes Trismegistos, betitelt "Kore Kosmu", erwähnt wird, noch für die Finsternis des Bösen, der Häßlichkeit und der Illusion, die wir jeden Tag erfahren?


Nein, werfen wir uns weder der Welt noch dem Intellekt zu Füßen, sondern werfen wir uns anbetend nieder vor der gemeinsamen Quelle von Welt und Intellekt - vor Gott. Vor Gott, dessen Wort zugleich sowohl das "wahre Licht ist, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt" (Jo 1,9), als auch der Schöpfer dieser Welt:

"Alles ist durch es geworden, und ohne es ist nichts geworden, was geworden ist" (Jo 1,3).

Das Ding, die Welt - das Wort ist deren Quelle. Der Intellekt, das Licht des Denkens - auch deren Quelle ist das Wort. Darum ist die heidnische Hermetik der Vergangenheit wie auch die christliche der Gegenwart weder realistisch noch idealistisch. Sie ist logistisch, weder auf das Ding noch auf den menschlichen Intellekt gegründet, sondern vielmehr auf den Logos, das Wort Gottes, dessen objektive Offenbarung die urbildliche Welt der phänomenalen Welt, dessen subjektive Offenbarung das Licht oder das Urbild des menschlichen Geistes ist.

"Und das Licht schien in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht ergriffen" (Jo 1,5).

Das bedeutet, daß es Finsternisse gibt sowohl in der Welt als auch im Bewußtsein, die nicht vom Licht durchdrungen wurden -, und daß folglich das Böse, das Häßliche und die Illusionen ebenso in der Welt wie im Bewußtsein existieren.

Die vom Wort nicht durchdrungene Finsternis der Welt ist aber nicht der Ursprung des Bewußtseins, und der vom Wort nicht erleuchtete menschliche Intellekt ist nicht das Prinzip der Welt. In der Erscheinungswelt gibt es objektive "Illusionen", d.h. "nicht reale Dinge", die nicht durch das Wort geworden sind, sondern die zu einem vergänglichen Dasein aus den Untergründen der Finsternis aufgetaucht sind. Im Bereich des subjektiven Bewußtseins gibt es Illusionen, d.h. nicht reale Begriffe, Ideen und Ideale, die nicht durch das Licht des Wortes erzeugt sind, sondern die zu einem vergänglichen Dasein aus den Untergründen der Finsternisse des Unterbewußtseins aufgetaucht sind.

Die Übereinstimmung zwischen einem illusorischen Objekt und dem von ihm im Intellekt gebildeten Begriff wäre nicht Wahrheit, sondern eine doppelte Illusion. Dies sollte der Realist wissen, wenn er seine Theorie von der Wahrheit als "Übereinstimmung" aufstellt. Und die Kohärenz im Inneren eines auf Illusionen gegründeten intellektuellen Systems ist kein Kriterium seiner Wahrheit, sondern vielmehr der Hinweis auf eine Zwangsvorstellung, die umso tiefer ist, je vollständiger die Kohärenz ist. Die sollte der Idealist wissen, wenn er seine Theorie von der Wahrheit als "Kohärenz" vorbringt.

Die Objekte sind nur real im Sinne des Realismus, wenn sie im Wort wirklich sind, und intellektuelle Konstruktionen sind nur wahr im Sinne des Idealismus, wenn sie im Wort wahr sind. Der menschliche Intellekt als solcher bringt die Wahrheit nicht in der Art aus sich hervor, wie die Spinne ihr Netz hervorbringt.

Keine Tatsache de äußeren oder der inneren Welt als bloße Tatsache begründet eine Wahrheit, da sie ebensogut eine Illusion oder die Geschichte einer Illusion lehren kann, sei es in der Natur (z.B. die vordiluvischen Ungeheuer), sei es im Bereich des Menschlichen (z.B. etliche Idole der Vergangenheit oder Gegenwart).

Nun ist die "Welt" unserer Erfahrung die phänomenale Offenbarung sowohl der vom Wort geschaffenen Welt als auch der Welt der Evolution der Schlange. Auch der "Intellekt" unserer Erfahrung ist ebenso die Offenbarung des Lichtes des Wortes wie der List der Schlange - um den biblischen Ausdruck zu gebrauchen, der zeigt, wie die Finsternis das Licht nachahmt, ohne es aufzunehmen. Darum muß man, bevor man sich zum Realismus bekennt, zwischen "Welt" und Welt unterscheiden. Ebenso muß man, bevor man den Idealismus annimmt, zwischen kosmischer Intelligenz und menschlichem Intellekt unterscheiden.

Ist diese Unterscheidung einmal getroffen, so kann man ohne Zögern gleichzeitig ebenso den Realismus wie den Idealismus annehmen - was dann den Ideal-Realismus oder Logismus der alten und zeitgenössischen Hermetik ergibt.

Dann wir die Methode der Übereinstimmung zum Stab in der Hand des Eremiten [vgl. die Tarot-Karte], und die Methode der Kohärenz wird zum Mantel, der ihn bekleidet. Und dies dank dem Licht der Lampe des Eremiten, die das heilige Instrument ist, in dem sich das Licht des Wortes mit dem Öl der menschlichen intellektuellen Bemühung vereint.

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Soweit die erste Antinomie und ihre "Auflösung". Für den Nichtchristen ist diese Denkweise sicher ungewohnt; für mich war sie es anfangs auch. Aber sie "bildet".

Richtig interessant aber wird's erst mit der zweiten Antinomie. Darüber demnächst.

Herzliche Grüße
trel


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