Kulturtheorie von Oswald Spengler

Herr Schütze ⌂ @, Montag, 07. März 2011, 00:14 (vor 2816 Tagen) @ Herr Schütze

Spenglers Hauptwerk - Der Untergang des Abendlandes- trägt den Untertitlel: Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. Titel und Untertitel verraten nicht nur, worum es Spengler zu tun war, sondern auch die ihm zur Seite stehenden Geistespaten:

Goethe und Nietzsche verdankte Spengler „so gut wie alles“, wie er selbst sagte. (**). Spenglers Ansatz gehört zu den zyklischen Geschichtsvorstellungen, die davon ausgehen, daß die Geschichte nicht einfach nur linear verläuft, sondern auch zyklisch, sich also in einem ständigen Auf und Ab befindet. Weil besonders der westliche Kulturkreis, die abendländische Kultur, der Linearität gegenüber der Zyklizität höhere Priorität einräumt, gilt es, den Blick auf die Zyklizität zu richten: Völker und Kulturen entstehen, haben einen Höhepunkt und vergehen letztendlich wieder. So schließt sich immer wieder ein Kreis, in dem ständig dieselben Muster und Stufen durchschritten werden, obwohl dieser Kreis nicht zweidimensional, sondern dreidimensional ist: eine Spirale. Die Geschichte hat, so scheint es, keinen Anfang und kein Ende, sondern läuft ewig innerhalb dieser Kreisläufe weiter. [image]Die großen acht Kulturen (**) durchlaufen nach Spenglers Vorstellung bestimmte Stadien, die man in Kurzform durch Vorzeit (bis zur „Geburt“!), Aufstieg, Blütezeit und Verfall definieren könnte. Laut Spengler entsteht jede Kultur fast urplötzlich, ihr Auftauchen ist fast rein zufällig und kaum zu erklären (nicht nur deshalb, muß - jedenfalls gemäß der Theorie von Hubert Brune - auch die „vorgeburtliche“ Zeit unbedingt berücksichtigt werden!). Im Sinne Spenglers erlebt jede Kultur nach ihrer Geburt ein Bewußtsein, das in der Zeit vor ihrer Geburt nicht existiert hatte. Am Ende steht der völlige Zerfall der Kultur, der oft nach außen hin lange nicht sichtbar ist, sich nach innen aber unaufhörlich fortsetzt. Wenn auch der Herbst der Kultur zu Ende ist, wird auch nach außen sichtbar, daß die Kultur vergreisen wird. Schließlich erstarrt die Kultur, nimmt ihre endgültige, versteinerte Gestalt an, die sie aus eigener Kraft nicht mehr verändern kann. Der Wiedereintritt in eine nahezu geschichtslose Zeit ist somit vollzogen, so Spengler, denn: was folgt, ist wieder das zoologische Auf und Ab des primitiven Zeitalters, mag es sich auch in noch so durchgeistigte religiöse, philosophische und vor allem politische Formen hüllen.

Jede der acht Kulturen wird geprägt von Raum („Landschaft“) und Zeit, in deren Verlauf ihr „Seelenbild“ und ihr „Ursymbol“ immer deutlicher erkennbar wird (jedenfalls für den „[Er-]Kenner“). So sind z.B. die antike Kultur und die abendländische Kultur gegensätzlich, was sich an den beiden Seelenbildern - „apollinisch“ (Antike) und „faustisch“ (Abendland) und den beiden Ursymbolen „Einzelkörper“ (Antike) und „Unendlicher Raum“ (Abendland) erkennen läßt. Wie ein Dogma gegenüber aller Erfahrung, gelten auch Seelenbild und Ursymbol allgemein als unbeweisbar, deshalb sei hier darauf hingewiesen, daß der Unterschied zwischen Antike und Abendland sogar am Beispiel „Parallelenaxiom“ deutlich werden kann: Euklid hat in seinen „Elementen“ (um 312 v. Chr.) die mathematische Entsprechung für das antike Beispiel gegeben und Gauß fast einen „platonischen Monat“ später später (um 1800) die für das abendländische.

Folgende Ursymbole sind in Spenglers Hauptwerk vornehmlich thematisiert: „Weg“ (ägyptische Kultur), „Nirwana“ (indische Kultur), „Tao (auch als Weg) oder auch Naturlandschaft, Naturarchitektur“ (chinesische Kultur), „Einzelkörper“ (antike Kultur) „Welthöhle“ (magische [arabische] Kultur), „Unendlicher Raum“ (faustische [abendländische] Kultur). Diese Ausdrucksformen machen das Einzigartige einer jeden Kultur aus, das sie von jeder anderen immer unterscheiden wird. Alles, was überhaupt geworden ist, alles, was die Kultur im Laufe ihres „Lebens“ erzeugt hat, geht zurück auf das kulturspezifische Ursymbol und ist Ausdruck einer Kulturseele. Nach Leo Frobenius: „Paideuma“.

Spenglers Hauptwerk „war in der ersten Niederschrift vollendet, als der große Krieg ausbrach. Es ist bis zum Frühling 1917 noch einmal durchgearbeitet und in Einzelheiten ergänzt und verdeutlicht worden. Die außerordentlichen Verhältnisse haben sein Erscheinen weiterhin verzögert. .... Der Titel, seit 1912 feststehend, bezeichnet in strengster Wortbedeutung und im Hinblick auf den Untergang der Antike eine welthistorische Phase vom Umfang mehrerer Jahrhunderte ....“ (Ebd., [Vorwort zur Ausgabe des 1. Bandes], S. X **). Spengler fragt nach einer „Logik der Geschichte“ (ebd., S. 3 **). Er fragt sich, ob es eine „metaphysische Struktur der historischen Menschheit, die von den weithin sichtbaren, populären geistig-politischen Gebilden der Oberfläche wesentlich unabhängig ist“ (ebd., S. 3 **), ja „diese Wirklichkeit geringeren Ranges vielmehr erst hevorruft“ (ebd., S. 3 **).

„Der Untergang des Abendlandes, zunächst ein örtlich und zeitlich beschränktes Phänomen wie das ihm entsprechende des Untergangs der Antike, ist, wie man sieht, ein philosophisches Thema, das in seiner ganzen Schwere begriffen alle großen Fragen des Seins in sich schließt. Will man erfahren, in welcher Gestalt sich das Schicksal der abendländischen Kultur erfüllen wird, so muß man zuvor erkannt haben, was Kultur ist, in welchem Verhältnis sie zur sichtbaren Geschichte, zum Leben, zur Seele, zur Natur, zum Geiste steht, unter welchen Formen sie in Erscheinung tritt und inwiefern diese Formen ... Symbole und als solche zu deuten sind. Das Mittel, tote Formen zu erkennen, ist das mathematische Gesetz. Das Mittel, lebendige Formen zu verstehen, ist die Analogie. Auf diese Weise unterscheiden sich Polarität und Periodizität der Welt. Das Bewußtsein davon, daß die Zahl der weltgeschichtlichen Erscheinungsformen eine begrenzte ist, daß Zeitalter, Epochen, Lagen, Personen sich dem Typus nach wiederholen, war immer vorhanden.“ (Ebd., S. 4 **).

„Ich nenne dies dem heutigen Westeuropäer geläufige Schema (Altertum-Mittelalter-Neuzeit ist gemeint [Herr Schütze]), in dem die hohen Kulturen ihre Bahnen um uns als den vermeintlichen Mittelpunkt alles Weltgeschehens ziehen, das ptolemäische System der Geschichte und ich betrachte es als die kopernikanische Entdeckung im Bereich der Historie, daß in diesem Buche ein System an seine Stelle tritt, in dem Antike und Abendland neben Indien, Babylon, China, Ägypten, der arabischen und mexikanischen Kultur - Einzelwelten des Werdens, die im Gesamtbilde der Geschichte ebenso schwer wiegen, die an Großzügigkeit der seelischen Konzeption, an Gewalt des Aufstiegs die Antike vielfach übertreffen - eine in keiner Weise bevorzugte Stellung einnehmen.“ (Ebd., S. 24 **).

Spengler erteilte der damals und auch heute immer noch üblichen Periodisierung Altertum-Mittelalter-Neuzeit mit ihrer teleologischen Grundkonzeption sowie ihrer Vernachlässigung der nicht-westlichen Kulturen eine gehörige Absage. Kulturen sind überindividuelle Wesenheiten, die Spengler als „Organismen“ auffaßte; sie durchlaufen somit jeweils einen Zyklus - mit Schicksal!

„Diesem allem, den willkürlichen, engen, von außen gekommenen, von eigenen Wünschen diktierten, der Historie aufgezwungenen Formen, stelle ich die natürliche, die »kopernikanische« Gestalt des Weltgeschehens entgegen, die ihm in der Tiefe innewohnt und sich nur dem nicht voreingenommenen Blick offenbart.“ (Ebd., S. 34 **).

„Ich erinnere an Goethe. Was er die lebendige Natur genannt hat, ist genau das, was hier Weltgeschichte im weitesten Umfange, die Welt als Geschichte genannt wird.“ (Ebd., S. 35 **).

„Der Untergang des Abendlandes, so betrachtet, bedeutet nichts Geringeres als das Problem der Zivilisation. Eine der Grundfragen aller höheren Geschichte liegt hier vor. Was ist Zivilisation, als organisch-logische Folge (), als Vollendung und Ausgang einer Kultur begriffen?  Denn jede Kultur hat ihre eigne Zivilisation.“ (Ebd., S. 43 **).

„Die Zivilisation ist das unausweichliche Schicksal einer Kultur. Hier ist der Gipfel erreicht, von dem aus die letzten und schwersten Fragen der historischen Morphologie lösbar werden. Zivilisationen sind die äußersten und künstlichsten Zustände, deren eine höhere Art von Menschen fähig ist. Sie sind ein Abschluß; sie folgen dem Werden als das Gewordene, dem Leben als der Tod, der Entwicklung als die Starrheit, dem Lande und der seelischen Kindheit, wie sie Dorik und Gotik zeigen, als das geistige Greisentum und die steinerne, versteinernde Weltstadt. Sie sind ein Ende, unwiderruflich, aber sie sind mit innerster Notwendigkeit immer wieder erreicht worden.“ (Ebd., S. 43 **).

Spengler veranschlagt für jede Kultur einen Zeitraum von rund 1000 Jahren oder mehr - einen Toleranzwert von mehreren Jahrhunderten durchaus zulassend.

„Jede Kultur durchläuft die Altersstufen des einzelnen Menschen. Jede hat ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre Männlichkeit und ihr Greisentum.“ (Ebd., S. 144 **).

„Jede Kultur, jede Frühzeit, jeder Aufstieg und Niedergang, jede ihrer innerlich notwendigen Stufen und Perioden hat eine bestimmte, immer gleiche, immer mit dem Nachdruck eines Symbols wiederkehrende Dauer.“(Ebd., S. 148 **).

„Wie Blätter, Blüten, Zweige, Früchte in ihrer Gestalt, Tracht und Haltung ein Pflanzendasein zum Ausdruck bringen, so tun es die religiösen, gelehrten, politischen, wirtschaftlichen Bildungen im Dasein einer Kultur.“ (Ebd., S. 148 **).

„In diesem Sinne wiederholt nun auch mit tiefster Notwendigkeit jedes irgendwie bedeutende Einzeldasein alle Epochen der Kultur, welcher es angehört.“ (Ebd., S. 149 **)

„Als Goethe den Urfaust entwarf, war er Parzival. Als er den ersten Teil abschloß, war er Hamlet. Erst mit dem Zweiten Teil wurde er der Weltmann des 19. Jahrhunderts ....“ (Ebd., S. 149 **).

„Und Goethes zweiter Faust, Wagners Parsifal verraten im voraus, welche Gestalt unser Seelentum in den nächsten, den letzten schöpferischen Jahrhunderten annehmen wird.“ (Ebd., S. 149 **).

„Als Homologie der Organe bezeichnet die Biologie deren morphologische Gleichwertigkeit im Gegensatz zur Analogie, die sich auf die Gleichwertigkeit der Funktion bezieht. Goethe hat diesen bedeutenden und in der Folge so fruchtbaren Begriff konzipiert, dessen Verfolgung ihn zur Entdeckung des os intermaxillare beim Menschen führte; Owen hat ihm eine streng wissenschaftliche Fassung gegeben. Ich führe auch diesen Begriff in die historische Methode ein.“ (Ebd., S. 149 **).

„Homolog sind die Lunge der Landtiere und die Schwimmblase der Fische, analog - in bezug auf den Gebrauch - sind Lunge und Kiemen. (**). Hier äußert sich eine vertiefte, durch strengste Schulung des Blicks erworbene morphologische Begabung, die der heutigen Geschichtsforschung mit ihren oberflächlichen Vergleichen - zwischen Christus und Buddha, Archimedes und Galilei, Cäsar und Wallenstein, der deutschen und der hellenischen Kleinstaaterei - völlig fremd ist. Es wird im Verlauf dieses Buches immer deutlicher werden, welch ungeheure Perspektiven sich dem historischen Blick eröffnen, sobald jene strenge Methode auch innerhalb der Geschichtsbetrachtung verstanden und ausgebildet worden ist. Homologe Bildungen sind, um hier nur weniges zu nennen, die antike Plastik und die abendländische Instrumentalmusik, die Pyramiden der 4. Dynastie und die gotischen Dome, der indische Buddhismus und der römische Stoizismus (Buddhismus und Christentum sind nicht einmal analog), die Zeit der »kämpfenden Staaten« Chinas, der Hyksos und der Punischen Kriege, die des Perikles und der Ommaijaden, die Epochen des Rigveda, Plotins und Dantes. Homolog sind dionysische Strömung und Renaissance, analog dionysische Strömung und Reformation. Für uns - das hat Nietzsche richtig gefühlt - »resümiert Wagner die Modernität« (**). Folglich muß es für die antike Modernität etwas Entsprechendes geben: es ist die pergamenische Kunst. (Die Tafeln am Anfang geben einen vorläufigen Begriff von der Fruchtbarkeit dieses Aspekts **).“ (Ebd., S. 150 **).

Gemäß Spengler gibt es zwischen den Kulturen „Gleichzeitigkeiten“, weil das, was (in) einer Kultur passiert, auch (in) jeder anderen Kultur passiert ist oder noch passieren wird. Zwar sind für uns die zeitlichen Unterschiede zwischen ihnen im mathematischen bzw. chronologischen Sinne abzählbar, also zahlenmäßig unterscheidbar, doch kommt es beim Verstehen der Kultur(en)geschichte darauf gar nicht so sehr an, weil die Kulturen in homolog(isch)er und analog(isch)er Beziehung zueinander stehen.

„Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“ (Ebd., S. 209 **).

Aufgrund der „Gleichzeitigkeit“ passiert in Kulturen quasi immer wieder das Gleiche, das nur dadurch verschiedenartig wirkt, da es jeweils auf das Ursymbol zurückgeht und darum Ausdruck einer bestimmten Kulturseele ist, die die einzigartige Prägung verleiht. Alle Erscheinungen innerhalb einer Kultur - z.B. jeder Stil in Architektur und Kunst, jede Philosophie oder Wissenschaft, jede Staatsform, jedes Stadtbild u.s.w. - sind für sie ganz einzigartig und neu, innerhalb der Menschheitsgeschichte aber nur Symbole für das Ewig-Gleiche.

Ein zentraler Punkt in Spenglers Terminologie liegt in der Unterscheidung, die er zwischen Kultur und Zivilisation anstellt (**|**|**). Hat eine Kultur ihre „Tag-und-Nacht-Gleiche“ (Hubert Brune) überschritten, ist sie Zivilisation. Demnach ist der Eintritt der Kultur in ihre Zivilisation identisch mit dem Eintritt der Kultur in ihren „Herbst“ (**|**). Die Zivilisation ist gekennzeichnet z.B. durch die Künstlichkeit von Architektur und Kunst, das Anwachsen der großen Weltstädte und durch generelle Dekadenzerscheinungen, die mit dem breitflächigen Absterben des ursprünglichen Lebensgeistes der Kultur verbunden sind. Für Spengler steht die Kultur näher am Zenit und die Zivilisation näher am Nadir.

Spengler beschreibt z.B. das Individuum der Zivilisation als den innerlich erstorbenen Menschen der späten Städte, seien es Babylon und Alexandria oder Paris und Berlin, dessen ganze geistige Existenz sich auf das Kausalitätsprinzip gründet. Wissenschaft und Atheismus sind die großen Themen jeder beginnenden Zivilisation. Bedeutsam ist der Rationalismus, der Verstand, der alles überprüfen und nichts mehr glauben will. Die Kunst wird künstlich, die Architektur wird form- und maßlos. Die alten Formen der Blütezeit werden plötzlich als Zwang empfunden, die man durchbrechen muß. Was nun stattfindet sind nur mehr Moden, pure Abwechslung, die für Entwicklung gehalten wird. Alte Stile werden wiederbelebt und verschmolzen, aber es entsteht nichts großes Neues. Das letzte Ergebnis ist laut Spengler ein feststehender, unermüdlich kopierter Formenschatz. Je mehr sich die Zivilisation ihrem Nadir nähert, desto mehr nähert sich z.B. auch die Macht der Wissenschaft dem Ende, eingeleitet durch eine Stimmung des Skeptizismus. In ihm kommen einer Kultur zum ersten Mal wieder Zweifel an den Möglichkeiten und dem Wahrheitsgehalt der Wissenschaft. Es zeigt sich für Spengler, daß Wissenschaft ein spätes und vorübergehendes Schauspiel ist. Das Abendland erlebte nach Spengler den letzten Höhepunkt seiner Wissenschaften im 19. Jahrhundert. Spengler räumt allerdings ein, daß die abendländische Wissenschaft durchaus etwas besonderes sei, das es noch in keiner bisherigen Kultur gegeben habe. Dennoch sei auch sie nur eine vorübergehende Erscheinung. Spengler prophezeit, daß Wissenschaft und Technik nur solange aufrecht erhalten, weiterentwickelt und von Nutzen sein werden, solange es Menschen gibt, die ihre Funktionsweise verstehen. Nimmt die Zahl dieser Menschen allmählich ab - wie es die von ihm in Aussicht gestellte zunehmende Kinderlosigkeit der Zivilisationsmenschen zwangsläufig mit sich bringen wird - so wird auch die von ihnen aufrecht erhaltene Technik irgendwann verschwunden sein.

Für das Abendland haben gemäß Spengler die Riesenkämpfe mit Napoleon begonnen und im 1. Weltkrieg, der gerade zu Ende ging, als Der Untergang des Abendlandes erschien, ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden. Die Tatsache, daß das 19. Jahrhundert verglichen mit Spenglers Beschreibungen relativ wenige solcher vernichtenden Kriege hervorgebracht hat, erklärt Spengler, indem er auf die angestrengte Diplomatie und die stehenden, jederzeit bereiten Heere jenes Jahrhunderts verweist. Dies beweise, daß man ständig zum Krieg bereit gewesen sei und nur die Angst vor den Folgen ihn immer noch im letzten Moment verhindert habe. Noch im 20. Jahrhundert werde, so prophezeite Spengler damals, diese Entwicklung ihren endgültigen Höhepunkt finden und der Zeitpunkt kommen, an dem die Diplomatie irgendwann nicht mehr greifen wird. (Den 2. Weltkrieg hat der 1936 verstorbene Spengler nicht mehr erlebt! Eine Wiederbelebung erhielten seine Ideen erst in den 1990er Jahren durch Huntington. In den 1990er Jahren erlebte Spenglers Gedankengut eine Renaissance, als Samuel P. Huntington in seinem 1996 erschienen Werk - Der Kampf der Kulturen - Spenglers Vorstellung weitgehend autonomer Kulturkreise wieder aufgriff und in seinem Modell einer neuen Weltordnung verwendete.).

Kennzeichnend für den Untergang einer jeden Kultur ist laut Spengler weiterhin die Erscheinung der zweiten Religiosität, die mit der schrittweisen Abkehr von der rationalen Wissenschaft einhergeht. Je mehr also die Wissenschaft ihren Sinn für die Menschen verliert, desto mehr verfällt jene Kulturseele wieder einem ursprünglichen Glauben, wie sie ihn ganz zu Beginn hatte. Die zweite Religiosität ist der ersten sehr ähnlich, nur daß sie diesmal nicht zur Geburt führt, sondern in ihrem zügellosen Drang zur Wiedergeburt in den Synkretismus(, in die von da an von der fremden Seite dominierten Pseudomorphose (**) und nicht selten zum Tod der betreffenden Kultur. Das besondere dieser zweiten Religiosität ist ihre Massenwirkung bzw. die Tatsache, daß sie von unten kommt. Die Massen beginnen wieder zu glauben, zu beten. Die zweite Religiosität manifestiert sich in der Form von zahlreichen Sekten und Kulten, die immer mehr Zulauf finden, und der Verbreitung von esoterischen Moden. Laut Spengler geht mit der zweiten Religiosität der Cäsarismus einher. Es ist die Vollendnung, der Ausgang und das Ende der Demokratie. Demokratie ist für Spengler eine bloße Theorie, die darüber hinweg täuscht, daß es in ihr ein anderes Mittel gibt, das darüber entscheidet, wer wirklich die Macht hat - denn das Volk hat sie sicher nicht. Dieses Mittel ist das Geld. Geld als ein von Gütern völlig abgelöster Begriff ist ein weiteres Symptom einer niedergehenden Kulturseele. Jede Zivilisation ist eine Diktatur des Geldes, jenem Wert, dem sich jetzt alles unterwirft. Geld bedeutet für Spengler den entscheidenden und einzigen echten Machtfaktor in jeder Demokratie.

„Historische Pseudomorphosen nenne ich Fälle, in welchen eine fremde Kultur so mächtig über dem Lande liegt, daß eine junge, die hier zu Hause ist, nicht zu Atem kommt und nicht nur zu keiner Bildung reiner, eigener Ausdrucksformen, sondern nicht einmal zur vollen Entfaltung ihres Selbstbewußtseins gelangt.“ (Ebd., S. 784 **).

Auch eine junge Kultur kann so mächtig sein, daß sie eine alte dort, wo sie zu Hause ist, überlagert. Das Beispiel zwischen der (alten) apollinischen Kultur, auch kurz „Antike“ genannt, und der (jungen) magischen Kultur, auch „Arabien“ genannt, macht es deutlich:

„Solange die Antike sich seelisch aufrecht hielt, bestand die Pseudomorphose darin, daß alle östlichen Kirchen zu Kulten westlichen Stils wurden. Dies ist eine wesentliche Seite des Synkretismus. .... Mit dem Hinschwinden der apollinischen und dem Aufblühen der magischen Seele seit dem zweiten Jahrhundert kehrt sich das Verhältnis um. Das Verhängnis der Pseudomorphose bleibt, aber es sind jetzt Kulte des Westens, die zu einer neuen Kirche des Ostens werden. Aus der Summe von Einzelkulten entwickelt sich eine Gemeinschaft derer, welche an diese Gottheiten und Übungen glauben, und nach dem Vorgange des Persertums und Judentums entsteht ein neues Griechentum als magische Nation.“ (Ebd., S. 800-801 **).

Bevor sich das Verhältnis der Pseudomorphose umkehrt und die Kultur geschichtslos wird, befindet sich die Kultur in ihrer letzten Phase, d.h. ihrer letzten geschichtlichen Phase. Sie ist gekennzeichnet von den letzten großen Taten, den Taten der Cäsaristen, und heißt folglich Cäsarismus.

Cäsarismus bedeutet auch, daß hinter den Parteien, welche die Fassade der Selbstbestimmung des Volkes aufrecht erhalten, die wahre Macht in immer privatere Kreise verlagert wird. Die Parteien selbst lösen sich langsam und zunächst unbemerkt in persönliche Gefolgschaften auf. Sie sind nur noch scheinbar Mittelpunkt der entscheidenden Aktionen, die nach unten die Illusion einer Selbstbestimmung des Volkes aufrecht erhalten. Cäsarismus ist jene Regierungsart, die trotz aller staatsrechtlichen Formen in ihrem inneren Wesen wieder die Herrschaft eines Einzelnen oder einer Gruppe ist - die Macht in Händen haltend, während der Bevölkerung weiterhin Demokratie suggeriert wird. Alle gesellschaftlichen Institutionen sind - trotz ihrer außenwirksamen Beibehaltung - letztendlich ohne Sinn und Gewicht. Bedeutung hat nur die ganz persönliche Gewalt, welche der Cäsar oder an seiner Stelle irgend jemand durch seine Fähigkeiten ausübt. Der Cäsarismus beendet die Diktatur des Geldes und gleichzeitig die Demokratie.

Was uns bevorsteht, ist die typische Geschichte einer ausgereiften Zivilisation, in welcher einzelne Völker (und nicht selten auch immer mehr aus unterschiedlichen Kulturen) um die militärische Vorherrschaft ringen werden. Daß ausgerechnet in dieser Zeit die Vorstellungen von Weltfrieden und Völkerversöhnung aufkeimen, ist laut Spengler kein Widerspruch. Die Abkehr der großen Mehrheit vom Krieg impliziert ja auch die uneingestandene Bereitschaft, die Beute der anderen zu werden, die nicht auf das Mittel des Krieges verzichten wollen. So erklärt es sich, daß die großen Kulturen in ihrem Endstadium nicht selten zum Opfer von immer wechselnden Fremdherrschaften wurden.

Imperialismus ist nach Spengler reine Zivilisation. Der kultivierte Mensch richtet seine Energie nach innen, der zivilisierte nach außen. Doch es sind erstarrte Imperien, deren innere Kraft längst erloschen ist und die ihre Macht höchstens aus einer rein militärischen Überlegenheit ableiten. Im Inneren zerfallen sie langsam aber sicher, was sich am Verfall der Wissenschaften, der Rückkehr der Bevölkerung zu alten Mythen und Religionen, der Kinderlosigkeit und ähnlichen Symptomen offenbart. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Kultur Opfer von anderen wird, Barbaren etwa oder jungen Völkern einer gerade erwachenden Kulturseele.

Und so schließt sich der Kreis. Eine aus dem Fast-Geschichtslosen urplötzlich geborene Kultur erfüllt sich, indem sie ihre eigenen Künste, Stile, Wissenschaften, Kriege, Persönlichkeiten u.s.w. hervorbringt, bis sich ihre Gestaltungskraft langsam erschöpft und schließlich erlöscht. Die Kultur erstarrt, ihre Formen hören auf, sich zu entwickeln und sie kehrt in den nahezu geschichtslosen Zustand zurück, aus dem sie einst erwachsen ist. Diesem Schicksal wird, so Spengler, auch die abendländische Kultur nicht entgehen können.


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