Kulturtheorie von Hubert Brune

Herr Schütze ⌂ @, Montag, 07. März 2011, 00:16 (vor 2754 Tagen) @ Herr Schütze

Brune geht unter Vorbehalt von ähnlichen Voraussetzungen aus wie Spengler. Anders als bei Spengler sind bei Brune vor allem folgende Hauptaspekte:

Kulturen sind keine Monaden (wie bei Spengler), sondern grundsätzlich offen gegenüber anderen Kulturen (fast wie bei Toynbee).

Vorgeburtliche Phasen der Kulturen sind von großer Bedeutung (bei Spengler spielen sie nur eine untergeordnete Rolle).

Zivilisatorische Phasen der Kulturen sind auch als bereits „vergreiste“ Phasen noch nicht völlig starr (wie bei Spengler), sondern können noch im Zyklus bleiben - wenn auch nur schwach.

Geschichte der Menschen verläuft auf mindestens zwei Bahnen, d.h. als eine Geschichte i.w.S. (Menschenkultur) und als eine Geschichte i.e.S. (Historienkulturen, die bei Spengler „Hochkulturen“ heißen und als die einzigen geschichtlich relevanten Kulturformen gelten).

Neben diesen Hauptaspekten gibt es noch weniger bedeutsame Aspekte und fast zu vernachläsigende Nebenaspekte, mit denen die Unterschiede zwischen Brune und Spengler in puncto Kulturtheorie herausgeschält werden können.

Kultur ist auch in Brunes Theorie eine zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Raum gebundene kulturelle Gemeinschaftsform - alltagssprachlich auch Kulturkreis genannt -, wird aber großzügiger definiert als in Spenglers Theorie. Für Brune ist sogar die Natur auf gewisse Art eine „Kultur“: die „1. Kultur“ (**). Kulturelle Einschachtelungen sind zu berücksichtigen, um zu verstehen, daß Kulturen in diesem Sinne nichts anderes sind als abgeleitete „Modernen“ aus einer ursprünglichen Kultur:

[image]„Die Natur (Universum, Galaxien u.s.w.) als 1. Kultur ermöglicht die 1. Moderne (»Höheres Leben«); das »Höhere Leben« als 2. Kultur ermöglicht die 2. Moderne (Menschwerdung oder: Menschen-Kultur); die Menschen-Kultur als 3. Kultur ermöglicht die 3. Moderne (Historisierung oder: Neanthropinen-Kultur); die Neanthropinen-Kultur als 4. Kultur ermöglicht die 4. Moderne (Historiographik oder: Historien-Kultur[en]); die Historien-Kultur(en) als 5. Kultur ermöglicht die 5. Moderne (Historismus oder Modernismus der Historien-Kultur[en]).“ **

„Ermöglicht“! Ob die Menschen-Kultur oder die Neanthropinen-Kultur oder die Historien-Kultur(en) auch realisiert wurden und/oder werden, ist prinzipiell nicht wichtig; wir wissen aber, daß es hinsichtlich unseres hier gestellten Themas (Vergleich zweier Kulturtheorien) mindestens eine menschliche Kulturform geben muß, aber auch mehrere menschliche Kulturformen geben kann. Brunes Kulturtheorie stellt sogar drei menschliche Kulturformen in Aussicht, doch zur Verdeutlichung der Geschichte als Unterscheidungsmerkmal kommen nur zwei in Frage, denn die mittlere (Historisierung oder Neanthropinen-Kultur) steckt ja als Übergangsform sowohl in der älteren (Menschwerdung oder Menschen-Kultur) als auch in der jüngeren (Historismus oder Historien-Kultur[en]). Bei dieser Unterscheidung berücksichtigt Brune also zwei kulturelle Phänomene:

(1.) „»Menschen-Kultur« (Evolution bzw. Geschichte der Menschheit) als ein bis heute doch ziemlich abstrakt gebliebener „Kulturkreis“, da die Kultur dieser einen Menschheit ja konkret kaum existiert.“ **

(2.) „»Historien-Kultur« als die aus bislang acht unterschiedlichen »Historien-Kulturen« bestehende »Historiographie-Kultur«, und das heißt: die »Moderne der Moderne der Menschen-Kultur« bzw. die »Historiographie-Kultur der Historisierung der Menschen-Kultur« oder aber sogar die »Zivilisation der Zivilisation der Menschen-Kultur«.“ **

Brune geht davon aus, daß die Kultur als Hyperonym bzw. Superordination die Zivilisation als deren Hyponym bzw. Subordination in sich birgt.

„Man kann die Entwicklung der Menschheit evolutiv und/oder histori(ographi)sch beschreiben, aber sie blieb so lange nur evolutiv, so lange ihr die Schrift fehlte - also ist sie erst seit Beginn der Schrift zusätzlich auch historiographisch. Gemäß meiner Theorie ist die Schriftlichkeit - zusätzlich zu der ihr vorausgegangenen Seßhaftigkeit, der »Neolithischen Revolution«, den ersten Städten u.ä. - der Grund für die Notwendigkeit der Aufteilung einer Erscheinung in zwei Erscheinungen: »Menschen-Kultur« (Evolution bzw. Geschichte der Menschheit) und die in ihr enthaltene »Historiographie-Kultur« (»Historien-Kultur«) mit den unterschiedlichen »Historien-Kulturen«. Die Aufteilung in diese beiden menschlichen Kulturphänome ist auch aus folgendem Grund sehr sinnvoll: Die »Menschen-Kultur« hat bis heute keine wirkliche Einheit bzw. kein wirkliches Organisationssystem werden können, ihre einzelnen „Historien-Kulturen“ dagegen sehr wohl. Die „Menschen-Kultur“ ist diesbezüglich bis heute sehr blaß und abstrakt geblieben - ganz im Gegenteil zu ihren »Historien-Kulturen«.“ **

Zu 1) Die „Menschen-Kultur“ umfaßt also die „Evolution bzw. die Geschichte der Menschheit“ (**),, nämlich: die „Prähominisierung“, die „Hominisierung“ , die „Sapientisierung“ und die „Historisierung“ (siehe Abbildung oben und hier),, ). „Mit ihrer »Moderne« als ihrer »Historisierung« beginnt auch ihre »Zivilisation«, obwohl „»Moderne« und »Zivilisation« nicht genau dasselbe bedeuten.“ (**). In Brunes Kulturtheorie ist auch die Unterschedung von „Neuzeit“, „Moderne“ und „Zivilisation“ bedeutsam (**). (Doch darauf werden wir später eingehen).

„Die Menschwerdung ist noch lange nicht beendet! Sie wird definitiv erst mit dem Tod des letzten Menschen beendet sein. Das letztmalige echte Gefühl der Zusammengehörigkeit der Menschen als eine Menschheit war vielleicht die „Mondlandung“ (1969). Aber Einrichtungen wie die UNO, die ein historienkulturelles - nämlich ein abendländisches (und innerhalb des Abendlandes ein angelsächsisches und also ein genuin sehr wikingerhaftes [Motto: »Nimm dir, was du haben willst!«], zu „individuelles“ und darum unbrauchbares) - Konstrukt ist, oder die WTO dienen lediglich der Minderheit (4%) einer Minderheit (20% **) aller Menschen (100%). UNO, WTO, Weltbank und IWF sind also eher Beispiele dafür, daß ein Zusammengehörigkeitsgefühl aller Menschen eben gerade nicht entstehen soll. Die echten Gefühle dafür müssen aus der kulturellen Seele selbst kommen.“ **

[image]Zu 2) Die „Historien-Kultur“ bedeutet „die aus den 8 »Historien-Kulturen« (die je verschieden sind **) bestehende »Moderne der Menschen-Moderne« - und das heißt: »Moderne der Moderne der Menschen-Kultur« oder auch »Historiographie-Kultur der Historisierung der Menschen-Kultur« oder eben sogar »Zivilisation der Zivilisation der Menschen-Kultur«. »Historien-Kultur« bedeutet somit einerseits die Moderne der Moderne der Menschen-Kultur und andererseits die eigenartigen und sich unterschiedlich (gemäß Spenglers Theorie zu wenig und gemäß Toynbees Theorie zu viel) beeinflussenden Historien-Kulturen (in der Fachliteratur oft »Hochkulturen« oder auch einfach nur »Kulturen« genannt), für die gilt: je näher, desto mehr Berührungen, gegenseitiger Einfluß und also Beziehungen, aber auch entschiedene Abgrenzung voneinander ....“ (**).Wie schon eingangs gesagt: Kulturen sind bei Brune keine Monaden (wie bei Spengler), sondern grundsätzlich offen gegenüber anderen Kulturen (fast wie bei Toynbee).

„Erstes Datum“ einer Kultur ist gemäß Brunes Theorie nicht die „Geburt“, sondern die „Ur-Geburt“ einer Kultur: „die Zeit der Befruchtung oder - genauer gesagt - die Zeit der Schlüpfung. Spengler sah das anders, obwohl auch er im Hinblick auf Kulturen die Vorgeburtlichkeit berücksichtigte und von Schwangerschaft sprach. Er bezog sich aber mehr auf Kulturen zwischen Geburt und Tod.“ (**). So weichen Brunes Daten für den Beginn einer Kultur von Spenglers Angaben erheblich ab. „Spengler vermutete auch, daß beispielsweise Rußland im 18. Jahrhundert die Chance zur 9. Kultur (gemeint ist: »Historien-Kultur« [Herr Schütze]) verpaßt hätte: Fehlgeburt! Rußland hatte (noch) keinen Karl Martell und auch (noch) keinen Karl d. Gr..“ (**). – Es ist ähnlich wie gemäß der Evolutionstheorie in der Natur: Versuch und Irrtum, Optimierung und Versagen; gelingt etwas, entwickelt es sich entsprechend der Möglichkeiten, und gelingt etwas nicht, ist es wieder weg.

[image]Die von Spengler angegebenen Daten bezüglich des „Beginns“ abendländischer Kultur weichen von Brunes angegebenen Daten um Jahrhunderte ab, denn Brunes Daten beziehen sich auf die Zeit um die „Urgeburt“ herum und Spenglers Daten auf die Zeit um die „Geburt“ herum. Das Abendland hatte seine »›Ur‹-Geburt« bzw. »Schlüpfung« in der Zeit von 20 v.C. bis 150 n.C., zu jener Zeit also, als z.B. Kaiser Augustus herrschte, Hermann der Cherusker (Arminius) Rom besiegte, Jesus, Paulus und die Evangelisten lebten und wirkten.“ (**). Die „Uterus“-Zeit, die Brune auch die „vor-/urkulturelle“ Zeit nennt, dauerte auch für das Abendland viele Jahrhunderte. Begriffe wie „pränatal“, „perinatal“, „postnatal“, die in Brunes Kulturtheorie vorkommen, hat Spengler nie benutzt, aber er sprach von „Vorzeit“, und die ging für ihn mit einem wichtigen Datum zu Ende, das Brune eben die „Geburt“ der Kultur nennt. „Das Abendland hatte seine perinatale Zeit zwischen 732, als Karl Martell die Araber besiegte, und 774, als Karl d. Gr. das Langobarden-Reich eroberte. Karls Kaiserkrönung (800) war bereits die Abendland-»Taufe«.“ (**). – Was mich an Brunes Kulturtheorie besonders fasziniert, ist die Berücksichtigung der Zeit, als eine Kultur sich noch im Uterus der „Mutterkultur“ aufhielt. So ist laut Brune z.B. für die „faustische“ Kultur („Abendland“ **) die „magische“ Kultur („Persien/Arabien“ **) die „Mutterkultur“ und die „apollinische“ Kultur („Antike“ **) die „Vaterkultur“. Zum Ausdruck kommt z.B. das „Mütterliche“ in uns vertrauen Begriffen wie dem „Christentum“, das sowohl gemäß Spenglers als auch gemäß Brunes Kulturtheorie in der „magischen“ Kultur seine Wurzeln hat.

[image]Die Einteilung der einzelnen Phasen einer Kultur orientiert sich in Brunes Theorie an natürlichen Kreisläufen. Die Einteilung in 12 Phasen ist sinnvoll, weil sie sowohl auf die Jahreszeiten als auch auf die Tageszeiten verteilbar sind. Die Phasen bezeichnet Brune gemäß seiner Konzeption einer „Kultu(h)r“ entweder (tageszeitlich) mit der Uhrzeit im 2-Stunden-Rhythmus (0-2 bis 22-24 [„Uhr“]) oder (jahreszeitlich) mit den Tierkkreiszeichen (Steinbock bis Schütze). Die Kultur beginnt ihr „Leben“ also bzw. mit Beginn des „Tages“ um „0 Uhr“ bzw. mit Beginn des „Winters“ am „21./22. Dezember“. Der Kreislauf ist prinzipiell nie beendet, weil er ja eine Periodizität darstellt. Also beginnt er am Ende des „Kulturtages“ bzw. des „Kulturjahres“ von neuem, wenn das Schicksal dies zuläßt. Diese Zyklizität bezieht sich auf alle Kulturen. Gemäß Brunes „Fünf-Kulturen-Theorie“ (**), die er auch „Fünf-Modernen-Theorie“ oder einfach „5+X“ nennt, ereignet sich nichts wirklich „Neues“ - hierin stimmen Brune und Spengler überein -, denn alles ereignet sich prinzipiell schon in der „1. Kultur“ (**) - der Natur, dem Universum, dem Kosmos, dem Weltall. Daß trotzdem Entwicklung stattfindet, hat mit der Kultur-(Ur)symbolik zu tun, denn eigentlich passiert in den anderen vier Kulturen quasi immer wieder das Gleiche, das nur dadurch verschiedenartig wirkt, da es jeweils auf das Ursymbol zurückgeht und darum Ausdruck einer bestimmten Kulturseele ist, die die einzigartige Prägung verleiht. Brune akzeptiert die eben erwähnte Entwicklung nur als eine in einen Zyklus integrierte Entwicklung, also als einen Aspekt in einer Spirale; ansonsten hält er es auch diesbezüglich mit Spengler, der in Anlehnnung an Goethe formulierte:

„Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“ (Oswald Spengler, a.a.O. **).

Wenn wir Menschen dank Planck, Einstein und Heisenberg in der Lage sind, die Kernspaltung oder gar die Kernfusion zu „betreiben“, so sagt das zwar etwas über unsere kultur-(ur)symbolischen Leistungen aus, aber ansonsten nur etwas darüber, was die Natur schon seit der Strahlungs-Ära (10 oder 20 Sekunden bis 100000 oder 1 Mio. Jahre nach dem sogenannten „Urknall“ **) „betreibt“. Wir können nichts tun, was nicht vor uns schon die „1. Kultur“ (**) getan hat. Und selbst dann, wenn wir wie Hubert Brune die „4 (Grund-)Naturkräfte“ als „Natur-Seelenbild“ (** [möglich wären auch z.B. die „Symmetrie“ oder der„Symmetriebruch“ o.ä.]) und die die „Elementarteilchen“ als „Natur-Ursymbol“ (**) [möglich wären auch z.B. der„Raum“, die „Zeit“ o.ä.]) benennen können, wissen wir nicht, warum was geschieht.


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