Avatar

Anthroposophie als Weltanschauung

admin @, Donnerstag, 10. März 2011, 08:17 (vor 2813 Tagen) @ Herr Schütze

Ist beispielsweise Ihr Glaube, ihre Glaubensrichtung oder ihre geistige Orientierung durch Steiner stark beeinflußt?

Eindeutig ja. Und das geschah in meiner Lebensmitte (d.h. in der Mitte des 5. Jahrsiebents), keineswegs etwa über eine Indoktrination durch ein anthroposophisch orientiertes Elternhaus. Zwar wußte ich von Steiner schon in meiner Jugendzeit, hatte auch in einige seiner Bücher hineingeschaut, aber während langer Zeit keine innere Beziehung dazu entwickelt. Ich sagte mir: "Das kann alles stimmen, oder auch nicht." Um mich dann ernsthaft mit ihm zu befassen, bedurfte es erst der nötigen Reife. Bis dahin hatte ich vieles aus dem Bereich von Philosophie, Psychologie und Religionswissenschaft gelesen; ich war also schon nicht mehr ganz unbedarft.

Der entscheidende "Vorteil" der Steiner-Lektüre war und ist für mich, abgesehen von den überwältigenden Ausblicken auf neue geistige Horizonte, der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit für Gebiete, die bisher dem Glauben vorbehalten waren. Nun wird ja dieser Anspruch auch von anderer Seite erhoben; man kann sogar sagen, daß die Wissenschaft heute die Funktion der Kirche übernommen hat, für viele Menschen also selbst zur Glaubensinstitution geworden ist. Aber in dem, was Steiner vorstellt, wird dieser Anspruch eingelöst. Man muß sich nur selber auf den Weg machen. Freilich ist das anstrengend!

Mir sind auch kritische Urteile bekannt. Meist kommen sie von enttäuschten Waldorf-Eltern. Die Enttäuschungen sind mir verständlich, denn Anthroposophen haben sich vieler schwerer Versagen schuldig gemacht. Ich selbst hatte mit ihnen fast nur unangenehme Erfahrungen. Soweit sich damit aber Kritik an Steiner bzw. an seinen Ergebnissen verbindet, so hat sich diese für mich immer als vollkommen haltlos herausgestellt.

Einräumen muß ich, daß Steiner sehr schwer zugänglich ist. Daß die für das öffentliche Publikum bestimmten Bücher, z.B. "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten", neu geschrieben werden müßten, hat er selber gesagt (und auf entsprechende Initiativen gehofft); umgekehrt maß er den Vortragsnachschriften, die viel anregender wirken, wenig Bedeutung bei.

Bücher von Klages, Spengler, Jung usw. enthalten sehr viel Weisheit, aber es ist eine solche der Vergangenheit. Sie bedeuten ein Ende. Die Schriften von Steiner hingegen eröffnen Zukunft. Man muß nur eben den neuen Weg selbst beschreiten; der Umgang in anthroposophischen Kreisen, wo Steiner wiederum mumifiziert wird - mit dieser Mumifizierung hat schon seine Witwe begonnen, vgl. hier - ist vielmehr enttäuschend. Als Einführung in die Anthroposophie empfehle ich das Frühwerk von Tomberg, d.h. seine Betrachtungen über das Alte und Neue Testament. Zwar setzt der Autor die Kenntnis des gesamten Steiner-Werks voraus, aber dafür kann man ja heute auf die "AnthroWiki" zurückgreifen.

Beste Grüße!
trel


gesamter Thread:

 RSS-Feed dieser Diskussion

powered by my little forum