Antwort auf: „Anmerkung ... Induktion und Deduktion“ (Fortsetzung).

Herr Schütze ⌂ @, Sonntag, 24. April 2011, 02:09 (vor 2706 Tagen) @ admin
bearbeitet von Herr Schütze, Sonntag, 24. April 2011, 04:28

Sehr geehrter Herr Lentze!

Das Urteil, ob eine Erkenntnis entweder nur mittels Deduktion oder nur mittels Induktion gewonnen wurde, ist nicht immer leicht zu fällen, weil ihr meistens beide Methoden zugrunde liegen und eine mehr oder weniger bevorzugt wird. Deshalb sollten wir zunächst einmal, bevor wir ein (vielleicht letztes) Urteil darüber abgeben, ob bei dem „Vorurteil der Steiner'schen Weltanschauung“ (**) wirklich nur die Deduktion eine Rolle spielt und bei Brunes Erkenntnisgewinnung wirklich nur die Induktion entscheidend ist, wie Sie sagen (**) ), die Deduktion und die Induktion definieren:

Deduktion

Die Deduktion ist die Ableitung des Besonderen aus dem Allgemeinen, derjenige Weg des Denkens, der vom Allgemeinen zum Besonderen, von einem allgemeinen zu einem speziellen Satz führt. Die allgemeine Denkform der Deduktion ist dabei der Schluß, dessen Voraussetzung das betreffende Allgemeine und dessen Schlußfolgerung das betreffende Besondere bilden. So kann z.B. aus dem Hilbert'schen Axiom (2 voneinander verschiedene Punkte A und B bestimmen stets eine Gerade a) mittels Deduktuion geschlossen werden, daß die kürzeste Verbindungslinie zweier Punkte eine durch die beiden Punkte gelegte Gerade ist.

Es gibt seit Kant auch noch die „transzendentale Deduktion“ als die Erklärung der Art, wie sich Begriffe a priori auf Gegenstände beziehen können, d.h. wie sich vorbegriffliche Wahrnehmung zu begrifflicher Erfahrung bzw. Erkennntnis umformen kann, zum Unterschied von der „empirischen Deduktion“, welche nur die Art anzeigt, wie ein Begriff durch Erfahrung und Reflexion über diese erworben werden.

Induktion

Die Induktion schließt vom Einzelnen, Besonderen auf Allgemeines, Gesetzmäßiges. Das Indukionsverfahren folgert, im einfachsten Falle, aus dem Umstand, daß z.B. S und p (zeitlich oder räumlich) miteinander verbunden auftreten, sei es einmal, sei es öfter, daß sie die stets miteinander auftreten oder auftreten werden. Dieser Folgerung kommt natürlich keine absolute Gewißheit, sondern nur Wahrscheinlichkeit zu, und diese wächst mit der Zahl der überprüften Einzelfälle. Ein Induktionsschluß ist z.B.: Gold, Silber, Eisen u.s.w. sind Metalle. Gold, Silber, Eisen u.s.w. sind schwerer als Wasser. Also sind alle Metalle schwerer als Wasser. Der Schluß war richtig, bis das Kalium entdeckt wurde.

Die Induktion als Methode besteht darin, daß eine aus irgendwelchen Beobachtungen geschöpfte oder sonstwie entstandene Vermutung über den Zusammenhang gewisser Erscheinungen planmäßig, durch Beobachtung und Experiment, an den Tatsachen geprüft und mehr oder weniger zur Gewißheit erhoben wird. Dem gegenüber ist Induktion im Alltagsdenken sehr kurzschlüssig, führt von wenigen, oft nur einzelnen beobachteten Fällen zu Verallgemeinerungen. Die strenge Induktion führt zu erst erarbeiteten, aus mehrfacher Erfahrung abgeleiteten Allgemein-Begriffen und zu Gesetzen, die Deduktionen zugrunde gelegt werden können. Besonders die Naturwissenschaften sind mit Hilfe der Induktiom groß geworden.

Meine Meinung zu den Methoden der Erkenntnisgewinnung bei Rudolf Steiner und - (vielleicht) im Gegensatz zu ihm - bei Hubert Brune

Rudolf Steiner muß auch über gewisse Erfahrungen zur Erkenntnisgewinnung verfügt haben - oder hat er etwa sein ganzes Wissen und insbesondere sein Anthroposophiemodell allein mit Hilfe der Deduktion auf den Weg und zu Ende gebracht? Die deduktive Methode hat ihm bei seiner Erkenntnisgewinnung sicherlich sehr viel mehr geholfen als die induktive - aber doch nicht nur, oder? Daß jemand auschließlich oder doch fast ausschließlich deduktiv vorgeht, um Erkenntnis zu erlangen, erinnert mich an die Zeit des Deutschen Idealismus und der Deutschen Romantik, obwohl auch die Genies dieser Zeit garantiert keine reinen „Deduktionisten“ waren. Trotzdem: War Steiner ein Neo-Idealist oder ein Neo-Romantiker?

Ebenfalls ziemlich schwer nachvollziehbar ist, daß jemand auschließlich oder doch fast ausschließlich induktiv vorgeht, um Erkenntnis zu erlangen. Ich glaube nicht, daß Hubert Brune nur über die Induktion seine Erkenntnisse zu seiner Theorie gefunden hat. Ich habe auf einer seiner Internetseiten folgendes gelesen:

„Heisenberg soll kurz vor seinem Tod behauptet haben, daß die tiefsten Ebenen der Realität nicht in Teilchen, sondern in Symmetrien bestehen. Das glaube ich auch. Das halte ich für wahr. Das Glauben ist ein Fürwahrhalten! Die von mir beschriebenen zwei Erkenntniswege (1. Evolution, Historie i.w.S., Genese u.s.w., 2. Meta-Evolution, Meta-Historie, Meta-Genese u.s.w.) zeigen theoretischerseits ebenfalls eine Symmetrie. Praktischerseits sieht das schon anders aus, und das muß es auch. Es kommt zum Symmetriebruch, zur Asymmetrie (**|**|**|**). Da meine Erkenntniswege nicht nur rein theoretisch sein können, sondern auch praktisch sein müssen - denn ich lebe z.B. -, hat sich bei ihnen mit Sicherheit sehr rasch auch ein Symmetriebruch ergeben. Aber ich habe bisher stets versucht, das zu verhindern. Vielleicht habe ich den 2. Weg, den „Meta“-Weg, stärker berücksichtigt als den 1. Weg. Es würde mich jedenfalls nicht wundern. .... Von der Natur über die Kultur zur Natur (= 1. Weg; Anm. Herr Schütze) und (fast) gleichzeitig von der Kultur über die Natur zur Kultur (= 2. Weg; Anm. Herr Schütze) - so lassen sich die beiden Erkenntniswege mit nur jeweils zwei Kategorien beschreiben, denen ich gefolgt bin, um daraus u.a. auch ein Internetangebot zu machen.“ (Hubert Brune, Seitenübersicht [Sitemap] - Natur und Kultur, 2001 **).

Ich weiß zwar nicht, ob das ausreicht, um sagen zu können, daß Hubert Brune auch deduktiv vorgegangen ist, aber ich glaube, daß er - z.B. im Hinblick auf seine Kulturtheorie (**|**|**|**|**|) - von bestimmten Theorien deduktiv ausgegangen ist, zumal er auch durchaus seine kulturtheoretischen „Meister“ nennt: „Was mich betrifft, so nenne ich Spengler und Sloterdijk.“ (Hubert Brune, „Der Untergang des Abendlandes“ und andere Werke von Oswald Spengler, 2001 **). Obwohl er sich - wahrscheinlich über die induktive Methode - von ihnen auch wieder löst:

„Meine Theorie über Kulturen (einschließlich deren Zivilisationen) ist zwar nicht unerheblich von Goethe und Nietzsche, also am meisten von Spengler beeinflußt (**), hebt sich aber trotzdem in gar nicht wenigen Aspekten von diesen ab, weshalb ich sie als doch ziemlich unabhängig bezeichnen möchte. Mein Konzept von den zwei menschlichen Kulturerscheinungen - quasi als den zwei Kulturbahnen (**) - ist m.W. sogar bisher von niemanden sonst vorgestellt worden, also einzigartig. In meiner Theorie sind Kulturen im allgemeinen und im besonderen (z.B. die verschiedenen Historienkulturen) als den Lebewesen sehr ähnlich aufzufassen. Außerdem sind alle Historienkulturen als Abweichungen (besonders in der künstlerischen Art bzw. Form) von der Menschenkultur zu verstehen, in die sie über ihre Modernen bzw. Zivilisationen allmählich wieder einmünden - allerdings auf jeweils andere, nämlich kulturspezifische Art und Weise. Insofern und auch aufgrund anderer Hypothesen, z.B. auch der über die „vorgeburtliche“ Existenz einer jeden Kultur, unterscheidet sich meine Kulturtheorie auch sehr von Spenglers Kulturtheorie.“ (Hubert Brune, Zur Definition von Kultur und Zivilisation, 2001 [**]; ders., Acht Kulturen, 2001 [**]).

[image][image]Ich glaube, daß Brune bei seiner methodischen Erkenntnisgewinnung für seine Theorie sowohl auf die Induktion als auch auf die Deduktion Wert gelegt hat, obwohl er sehr wahrscheinlich bei weitem mehr induktiv als deduktiv vorgegangen ist.

Wer kann etwa ernsthaft bestreiten, daß bei den nebenstehenden Abbildungen, die Brune neben vielen anderen zur Veranschaulichung seiner Theorie bereitgestellt hat, auch eine Deduktion, wenn auch meinetwegen nur zu einem geringen Prozentsatz, im Spiel gewesen ist? ** **

Es ist meiner Meinung nach nicht möglich, eine Erkenntnis mit Hilfe nur einer der beiden Methoden Deduktion und Induktion zu gewinnen, wenn man eine so umfangreiche Theorie wie die von Hubert Brune, die ja alles erklären und verstehbar machen will, überzeugend behaupten will. Und sie überzeugt wirklich!

„Die Empirie kommt nicht über das Besondere hinaus, sie schreitet immer nur von Erfahrungen zu Erfahrungen, von Versuchen zu neuen Versuchen; die Induktion dagegen zieht aus den Versuchen und Erfahrungen die Ursachen und allgemeinen Sätze heraus und leitet dann wieder neue Erfahrungen und Versuche aus diesen Ursachen und allgemeinen Sätzen oder Prinzipien ab.“ (Francis Bacon, Novum organum, 1620). Wenn die Induktion aber wieder „neue Erfahrungen und Versuche“ aus „Ursachen und allgemeinen Sätzen oder Prinzipien“ ableitet, dann ist sie bereits zur Deduktion geworden!

Wenn die Induktion bis zum Allgemeinen vorgedrungen ist, dann ist sie zumindest vorübergehend an ihr Ende gekommen. Wenn dann wieder von diesem Allgemeinen auf ein Einzelnes oder Besonderes geschlossen wird, so ist das die Aufgabe der Deduktion. Auch dann, wenn zuvor die Induktion das Allgemeine herbeigeführt hat. Umgekehrt gilt das genauso: Wenn die Deduktion bis zu irgendeinem Einzelnen oder Besonderen vorgedrungen ist, dann ist sie zumindest vorübergehend an ihr Ende gekommen. Wenn dann wieder von diesem Einzelnen oder Besonderen auf ein Allgemeines geschlossen wird, so ist das die Aufgabe der Induktion. Auch dann, wenn zuvor die Deduktion das Einzelne oder Besondere herbeigeführt hat.

Allen ein frohes Osterfest!


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