Die Philosophie der Scheiße.

trel ⌂, Freitag, 02. September 2011, 18:50 (vor 2215 Tagen)
bearbeitet von admin, Samstag, 03. September 2011, 11:05

Nachdem er nun Sirup auf einen Rost innerhalb des Faulturms gekarrt hatte, legte er sich sphinxartig vor ihm auf den Boden, setzte sich zur Verdeutlichung eine Löwenmähne auf, welche ein wenig auch an die richterlichen Perücken erinnerte und nahm eine Papyrusrolle zur Hand. Aus ihr las er sodann die Rätselfrage vor.

"Jeder hat sie, Niemand will sie. - Was ist das ?"

"Scheiße", sagte Sirup.

"Wenn das eine Antwort war," entgegnete der Klärmeister, "so ist sie richtig. Hättest du sie nicht gleich gewußt, so wäre ich dir in Anrechnung deines ungewöhnlichen Arbeitseifers mit dem Hinweis entgegengekommen, daß ich selbst vorwiegend aus jener Substanz bestehe. Solltest du aber" - seine Miene wurde äußerst bedrohlich - "mit diesem Wort deinen Unmut über die Prüfung oder gar über mich persönlich zum Ausdruck gebracht haben, so müßte ich dich in den Abgrund hinabstoßen." Er wartete auf eine Erklärung, doch da diese nicht kam, versetzte er dem Karren einen Stoß und sprach dabei die Worte: "Was oben ist, das bringe nach unten", womit er aus der "tabula smaragdina" des altägyptischen Philosophen und Alchymisten Hermes Trismegistos zitierte.

[...]

"Der Mensch", so begann er zu reden, "ist dasjenige Wesen, welches jegliche Materie, die es sich einverleibt, eben dadurch zugleich entwertet, indem es sie ungenießbar, stinkend, ekelerregend und widerlich macht. Behufs einer gerechten Erfassung dieses entsetzlichen Vorganges stelle man sich sein Gegenbild vor: Ein Wesen, das alles dergestalt Unerquickliche in etwas Appetitliches, verlockend Duftendes, Gesundes und Wertvolles verwandelt. Ihm allein hätten wir ein Recht auf Dasein zuzusprechen, da es sich fortwährend als nützlich, aufbauend, werteschaffend und somit als positiv erwiese. Selbst Tiere sind nicht selten schöpferisch im Hervorbringen von Werten, wie uns das Angebot von Fleisch, Milch, Käse, Eiern, Daunenfedern, Leder, Purpur, Elfenbein und Ambra eindringlich vor Augen führt; wiewohl es nur allzu leicht hinwegzutäuschen vermag über die unvorstellbaren Mengen von Kot, Jauche und Mist, von Abfall und Unrat, mit dem uns jene Nutzbringer zuvörderst versorgen.

Zwar - und dies ist ein scheinbarer Einwand - vermögen bisweilen auch Menschen wertvolle Dinge zu erschaffen; allein dies geschieht absichtlich und künstlich durch ihrer Hände Arbeit, nicht jedoch durch ihrer Leiber Notwendigkeit: daher sie als betrügerische Machenschaften behufs der Erhaltung ihres Selbstwertgefühles leicht zu entlarven und demaskieren sind.

Am ärgerlichsten ist allzumal, daß jeder Versuch, durch Verfeinerung der Speise begünstigend auf das Ergebnis einzuwirken, gänzlich ohne Wirkung bleibt. Wir können diese noch so herrlich darbieten: Auf kostbarstem Geschirre, mit silbernem und goldenem Besteck, bei festlich schimmerndem Kerzenlicht, zu den Klängen von Tafelmusik und in erlesener Gesellschaft; wir können in der körperlich untadeligsten Verfassung sein, ohne jedwede Verdauungsbeschwernisse, womöglich sogar im Besitze eines ärztlichen Gesundheitspasses; wir können für die vorzüglichste Beschaffenheit der Speisen und Zutaten Sorge getragen, ja uns verschwendet, verschuldet und ruiniert haben im Aufwand ihrer Beschaffung, Zubereitung und Darbietung - es ist Alles umsonst und vergebens: Das Resultat, dessen wir uns bald darauf veräußern, ist, wie es immer ist, sozusagen von stets gleichbleibender Qualität; es spottet all unserer Bemühungen und entläßt uns wie bisher in der grauenhaftesten inneren Leere, in dem vernichtenden Bewußtsein, nichts geschaffen zu haben, dem irgendein Bestand, Wert oder Nutzen zugesprochen werden kann; so daß wir am Ende noch froh sein dürfen, nichts mehr sehen, hören und riechen zu müssen von jenem unwürdigen Leibesprodukt, welches Niemand geschenkt haben möchte, ja nicht einmal gegen Belohnung in die Hand nehmen würde.

Kehren wir den Versuch jedoch um, dergestalt daß wir die - an sich immer gute - Speise durch eine weniger gute, durch eine relativ schlechtere ersetzen, so wird das Ergebnis nicht ebenfalls schlechter, als es je schon ist: Womit der Beweis erbracht ist, daß die Substanz, welche hervorzubringen unser Leib sich entwürdigt, bereits die endgültige und perfekte, die nicht mehr zu unterbietende, folglich die absolute Unbrauchbarkeit und Wertlosigkeit, die grenzenlose Verderbnis, ja die Schlechtigkeit an und für sich darstellt, wie sie der Widersacher Gottes nicht furchtbarer konnte ausgestalten.

Die Tatsache nun, daß zum fortwährenden Hervorbringer dieses Urstoffes der Verneinung gerade der Mensch ausersehen ist; daß wir tagtäglich aufs Neue von Abscheu und Widerwillen gegen uns selbst ergriffen, ja, in Voraussicht der notwendigen Entleerung, von Grausen geschüttelt werden, so daß Scham, Wut und Verzweiflung unsere Sinne erfüllen muß: All dies zusammengenommen vermochte unserem Selbstwertgefühl jenen vernichtenden Schlag zu versetzen, von dem es sich in Gänze nie wieder wird erholen können; so daß als Urgrund unserer Erbsünde nicht der Geschlechtstrieb, sondern allein der Vorgang der Fäkalisierung in Betracht kommt; und als ihr Symbol nicht die verführende Schlange, sondern das abführende Darm-Geschlinge.

Stellen wir uns nunmehr die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit einer Erlösung, so erkennen wir alsbald, daß völlige Verzweiflung uns zum Los bestimmt ist: Insofern nämlich auch währenddessen unser Leib nicht aufhört, das unselige Werk der Fäkalisierung fortzusetzen und uns somit verspottet. Ja, nicht einmal der Schlaf, welcher selbst noch dem schlimmsten Verbrecher die Hände bindet, vermag dem teuflischem Leibesgeschehen ernstlich Einhalt zu gebieten; geschweige denn, daß bloße Absicht und die von sittlichem Strebungen getragene Einsicht es vermöchte. Das Faß des Übels ist ohne Boden, und noch niemals mochte es einem Menschen gelungen sein, es noch bei Lebzeiten gänzlich zu erschöpfen. Freilich, der einfältige Mensch verfällt jeden Tag aufs Neue der lächerlichen Illusion, sich endgültig entleert zu haben und läßt sich trotz unablässiger Erfahrung des Gegenteils nicht in seinem Lebensmut erschüttern; der gebildete aber weiß, daß er die Büchse der Pandora nicht besitzt, als sie vielmehr verkörpert.

Fragen wir uns nun weiter, was etwa von einer Maschine oder technischen Anlage zu halten sei, welche dem Menschen darin gleicht, daß sie niemals etwas Wertvolles schafft, vielmehr jeglichen Stoff, den man in sie fügt, in nochmals degradiertem Zustand wieder aus sich entläßt und das Übel in der Welt vermehrt: so muß unser Urteil unbedingt vernichtend ausfallen nicht nur über sie selbst, sondern in erhöhtem Maße über ihren unglücklichen Erfinder, sodann aber über ihren gewissenlosen Betreiber, den zu begradigen und zu richten die härteste aller irdischen Strafen nicht ausreichen kann.

Nun aber, wagen wir endlich, ein Klärwerk uns auszumalen, der Bestimmung nach ein Erlösungswerk, dem das verstofflichte, dem Menschen geschuldete Übel zugeführt wird, auf daß es gereinigt, durchlichtet und gewandelt werde; wagen wir, uns auszumalen, daß von Alledem das genaue Gegenteil geschähe; daß also das ohnehin schon Verderbte, in die unterirdische Kanalisation Getriebene, anstatt daß es erhoben und verklärt werde, vielmehr in seiner stinkenden Abschaumhaftigkeit noch potenziert wird: Muß nicht der Klärmeister, welcher in dieser Hölle des technischen und moralischen Versagens das Szepter führt, als der Teufel aller Teufel, der Teufel in Potenz erscheinen, als der finsterste aller Drachen, welchen zu vernichten nur noch der Erzengel angerufen werden kann ?

Ja," schrie er, "ich weiß um mein Versagen. Das Versagen, das bin ich. Sollte es aber eine Macht geben - und es gibt sie nicht ! -, eine Macht, die sich in den Kopf gesetzt hat, mich zu widerlegen, die mir beweisen will, daß ich doch zu etwas Edlem fähig bin, daß ich das Schlechte in etwas Gutem verwandeln kann - ich werde ihr die Stirn bieten, und wenn ich dabei auslaufe !"

An dieser Stelle sei erläuternd nachgetragen, daß der Klärmeister bis fast zum Halse mit Kot und Urin angefüllt und gleichzeitig von steter Furcht besessen war, er könne eines Tages auslaufen. Diese Furcht, ihre psychiatrische Bezeichnung lautet koprophile Dysmorphophobie, war nicht ganz unbegründet, denn überall sickerte und tropfte das Abwasser aus seinem Leib, welcher einem Bündel undichter, dick bandagierter Heizungsrohre glich. In Widerspruch nämlich zu seinen soeben gemachten Ausführungen hielt er seine eigenen leiblichen Abfallstoffe für dermaßen wertvoll, daß er sie auf keinen Fall der Umwelt anvertrauen wollte; und so zwang er sich willentlich zu einer chronischen Verstopfung, deren Entsprechung im Abwasser-Kanalsystem durch gelatinöse Massen von Zoogloea-Bakterien verursacht wird. Tatsächlich war auch sein bandagierter Körper bereits sehr glibbrig, und ein ständiges Brodeln, Blubbern und Glucksen sowie der Geruch von Schwefelwasserstoff ließ auf blasenbildende Vorgänge in seinem Leibesinnern schließen.


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