Zusatz zur Idee der Wiederverkörperung

trel ⌂, Donnerstag, 20. Oktober 2011, 11:06 (vor 2162 Tagen) @ trel
bearbeitet von trel, Samstag, 29. Oktober 2011, 15:46

Ich unterstelle, daß die Wiedergeburt für immer mehr Menschen zur Gewißheit werden wird. Diese Gewißheit stelle ich mir nicht als eine "Glaubens"-Frage vor, sondern als ein Phänomen, das ein Teil der Evolution der Menschheit darstellt.

Befürworter der Tötung von ungeborenen Menschen pflegen sich u.a. auf das zur Zeit geltende Gesetz zu stützen. Demnach handelt es sich bei dieser Tötung nicht um Mord.

Diese Auffassung stützt sich wiederum darauf, daß es sich bei den ungeborenen Menschen zwar um lebende "Zellverbände" handle, sogar um menschliche Zellverbände (d.h., es können aus ihnen nur Menschen, nicht aber Tiere oder Pflanzen entstehen), aber insofern noch nicht um Menschen. Der Mensch sei in dieser Gestalt einfach noch nicht vorhanden.

Wie aber kommt es dann, daß gar nicht so wenige Bürger, darunter die organisierten sog. "Lebensschützer", die pränatale Tötung als Mord ansehen? Glauben sie wirklich daran, daß es sich um Menschen handle? "Beten" sie einfach nur kirchliche Lehrmeinungen nach - oder wollen sie gar nur opponieren, weil das Opponieren und Demonstrieren ihnen Spaß macht?

In meinem Falle ist es die subjektive Gewißheit der Wiederverkörperung oder Re-Inkarnation, welche mich zur Erklärung veranlaßt, daß es sich bei sogenannten "Abtreibung" (ein wahrlich zynisches Wort, da es sich eigentlich auf Parasiten bezieht) um Mord handelt.

Was andere Lebensschützer betrifft, die sich auf kirchliche Anschauungen berufen, so vermute ich, daß ihre Gewißheit möglicherweise dieselbe Quelle hat, auch wenn ihnen das nicht bewußt ist.

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Ich kenne die Idee der Wiederverkörperung in der Form, wie sie durch R.Steiner, dem Begründer der Anthroposophie entwickelt worden ist. Ganz ähnliche Vorstellungen finden sich allerdings bereits in Gotthold Ephraim Lessings "Erziehung des Menschengeschlechts" aus dem Jahre 1780, in den Schlußparagraphen:

§ 92. ...Und wie? Wenn es nun gar so gut als ausgemacht wäre, daß das große, langsame Rad, welches das Geschlecht seiner Vollkommenheit näher bringt, nur durch kleinere schnellere Räder in Bewegung gesetzt würde, deren jedes sein Einzelnes ebendahin liefert?

§ 93. Eben die Bahn, auf welcher das Geschlecht zu seiner Vollkommenheit gelangt, muß jeder einzelne Mensch (der früher, der später) erst durchlaufen haben. - "In einem und demselben Leben durchlaufen haben? Kann er in eben demselben Leben ein sinnlicher Jude und ein geistiger Christ gewesen sein? Kann er in eben demselben Leben beide überholet haben?"

§ 94. Das wohl nun nicht! - Aber warum könnte jeder einzelne Mensch auch nicht mehr als einmal auf dieser Welt gewesen sein?

§ 95. Ist diese Hypothese darum so lächerlich, weil sie die älteste ist? Weil der menschliche Verstand, ehe ihn die Sophisterei der Schule zerstreut und geschwächt hatte, sogleich darauf verfiel?...

§ 98. Warum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin? Bringe ich auf einmal so viel weg, daß es der Mühe wiederzukommen etwa nicht lohnet?

§ 99. Darum nicht? Oder weil ich es vergesse, daß ich schon dagewesen? Wohl mir, daß ich es vergesse. Die Erinnerung meiner vorigen Zustände würde mir nur einen schlechten Gebrauch des gegenwärtigen zu machen erlauben. Und was ich jetzt vergessen muß, habe ich denn das auf ewig vergessen?

§ 100. Oder, weil so zuviel Zeit für mich verloren gehen würde? Verloren? Und was habe ich denn zu versäumen? Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?

Derartig klare Vorstellungen von der Wiederverkörperung waren aber in Deutschland unter den damaligen Geistesgrößen eher die Regel als die Ausnahme; sie wurden in ähnlicher Form auch z.B. von Friedrich dem Großen, Goethe, Schiller, und vielen Anderen ausgesprochen. Vgl. hierzu Emil Bock, "Wiederholte Erdenleben. Die Wiederverkörperungsidee in der Deutschen Geistesgeschichte."

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Obwohl ich mich (bis jetzt) nicht an frühere Erdenleben erinnern kann, so erscheint mir die Idee der Wiederverkörperung gleichwohl so einleuchtend wie die vom täglichen Einschlafen und Aufwachen. Hier ist es die Gewißheit, von Zeit zu Zeit "weg" zu sein, und dennoch weiterzuleben und das einmal Angefangene fortzuführen. Warum sollte sich diese Periodizität nicht auch in größerem Maßstabe abspielen? Und überhaupt: Welcher Mensch glaubt mit allen seinen Vorhaben fertig zu sein, wenn er das Ende seines Erdenlebens vor sich sieht?

Dagegen wird eingewandt, daß es sich um eine süße Illusion handle, geboren aus der Unfähigkeit, sich mit dem Ende abzufinden. Genauso gut aber könnte man die gegenteilige Überzeugung als Illusion bezeichnen, da sie geboren sei aus der Hoffnung, es mögen einen die Folgen des eigenen Handelns niemals einholen, die Schuldbücher niemals geöffnet werden.

Ferner, bis zur Zeit der Aufklärung dürfte den Kirchen ein großer Anteil am Vergessenwerden der Wiederkörperungs-Idee zukommen. Für ihr Verhalten sind einleuchtende Gründe genannt worden, die ich hier aber der Kürze halber nicht diskutieren will. Auf jeden Fall ist die Idee der Wiederverkörperung nicht nur in sich widerspruchsfrei; sie vermag auch Vieles aufzuhellen, was ohne sie rätselhaft, ja sinnlos erscheinen muß. (Darin liegt übrigens auch der Sinn einer jeden wissenschaftlichen Hypothese.)

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R.Steiner hat sich zur Wiederverkörperung so detailliert geäußert wie kein Anderer vor ihm. Er hat auch dargestellt, daß und warum Tiere sich nicht wiederverkörpern. Gerade diese Erkenntnis verdient betont zu werden, da viele Menschen heute in Unkenntnis und Vergessenheit der mitteleuropäischen Geistesgeschichte sich an orientalischen Überlieferungen bedienen. Unter diesen Überlieferungen wurde hier auch Dekadentes verbreitet, darunter eben, daß Menschen aus niederen Daseinsformen hervorgegangen seien (was der Darwinismus freilich auch behauptet) und sich in solche auch wieder zurückverkörpern könnten, gleichsam als Bestrafung. Dies ist aber sachlich unzutreffend.

Es gibt eine Evolution des Menschen, allerdings nicht eine solche, wie die Materialisten sie sich vorstellen. Vielmehr verläuft die Evolution des Menschen in seinem Bewußtsein. Dazu gehört sowohl die Erweiterung wie die Verengung. Wir sollten uns das anhand einer aufstrebenden Spirale (eigentlich: einer Schraubenlinie) vorstellen, wo ständig einmal erreichte Zustände verlassen, auf höherer Ebene aber wieder eingenommen werden, Neuerung und Wiederholung sich schöpferisch verbinden.

Geistig ist also der individuelle Mensch sowohl prä-existent als auch post-existent, und zwar in einer ganz anderen Weise als auf der biologischen Ebene. Auch da gilt zwar die potentielle Unsterblichkeit, insofern das Leben über die Keimzellen seit unausdenklichen Zeiten weitergereicht wird, ohne jede Unterbrechung. Beide Linien des Weiterlebens, die geistige und die biologische, gehen jedoch getrennte Wege, so daß das Individuum meist in völlig anderen Erblinien sich verkörpert. Dies gilt jedenfalls in Kulturen, die durch besonders rasche Evolution sich ausgezeichnet haben. Die anderen waren und sind durch Stagnation geprägt.

Wie dem sei, die Idee der menschlich-individuellen Wiederverkörperung ist, wie man heute zu sagen pflegt, sehr "intuitiv". Ein Tier verkörpert seine Gattung; ein Mensch verkörpert sich selbst. Nur aus dieser - heute meist noch unterschwelligen - Einsicht folgt, daß die Tötung eines Tieres kein Mord ist, die Tötung eines Menschen aber schon; und unvermindert daher auch die Tötung eines ungeborenen Menschen.

trel


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