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Nicht den Mut verlieren!

admin @, Montag, 24. Oktober 2011, 01:05 (vor 2217 Tagen) @ Herr Schütze

Sollen wir uns unseren Eroberern - die bekanntlich nicht an uns, sondern lediglich an unserem Reichtum interessiert sind (immer gieriger werdend) - ergeben oder nicht? Freiwillig? Unter Tränen? Amor fati? Kämpfen?

Guten Abend Herr Schütze,

Klare Antwort: Wir dürfen uns den "Diktatoren" nicht ergeben!

Aber es gibt noch andere Möglichkeiten als die, welche Sie nannten. Heute vormittag habe ich, da ich die Kirche verpaßte (ich kam, nach einstündiger Fahrradfahrt, eine Minute zu spät und wollte nicht stören), ersatzweise V.Tombergs "Betrachtungen zum Neuen Testament" aufgeschlagen und auf Zufall einen Abschnitt gelesen.

Es ging um die Wüste, in die Jesus sich begab, um dem Versucher zu begegnen. Die Wüste ist - im Extremfall - ein Ort der absoluten Einsamkeit. Darum hat auch der Versucher hier die größte Aussicht auf Erfolg. Nirgendwo wie hier drängt es den Einsamen so sehr, "die ganze Welt in einem Augenblick" zu gewinnen (das fantasiert und träumt er wahrscheinlich sowieso schon), sich in seiner Hingabesehnsucht "von der Zinne des Tempels" in die Hände Gottes fallen zu lassen oder "Steine in Brot verwandeln" zu können.

Doch die äußere Einsamkeit steht ja nur für die innere Einsamkeit, die heute alle geistig Aussichtsreichen (an die auch der Versucher als Konkurrent Gottes interessiert ist) irgendwann durchmachen.

Nietzsche zum Beispiel. Sein Gedicht "Vereinsamt" ("Die Krähen schrei'n / und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: / bald wird es schnei'n, - / wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!") ist nicht so nebenbei geschrieben, sondern drückte seine bittere Lebenswirklichkeit aus.

Allerdings erkannte er auch die Ursache. Im "Nachlied" des Zarathustra heißt es:

"...Aber das ist meine Einsamkeit, daß ich von Licht umgürtet bin.
Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zurück, die aus mir brechen.
Viele Sonnen kreisen im öden Raume: zu allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem Licht, - mir schweigen sie."

Seine ätherische und astrale Konstitution war umgestülpt, wie Tomberg dazu bemerkt. Das ist natürlich für den Nicht-Anthroposophen erklärungsbedürftig, aber das würde jetzt viel zu weit führen. Jedenfalls ist es ein notwendiger Durchgangszustand, den Nietzsche nicht gesund überwand. Er gab nämlich dem Versucher nach, und sah "alle Reiche dieser Welt in einem Augenblick"; die Zeitlinie wandelte sich in den Kreis der Ewigen Wiederkunft als Tatsache einer mechanischen, satanischen Gegenwelt. Diese ist wahr und unwahr (illusionär) zugleich. Daß Nietzsche folglich in den Wahnsinn fiel, war - so paradox es klingt - seine Rettung. Es gibt nämlich wirklich eine Wiederkunft, aber eine reguläre, die uns weiterbringt; durch die wir Fehler in Erfolge verwandeln können.

Doch das ist jetzt alles Theorie. Die äußerste innere Einsamkeit, welche die Besten von uns am stärksten erleiden, ist notwendige, vielleicht mehrfache Phase. Es gilt sie, zu bestehen! Das ist, was mich täglich beschäftigt. Und das mutige Annehmen weckt tatsächlich Kräfte, wenn auch meistens ganz unerwartete.

Gruß an Sie für heute (nacht)!

admin


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