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Grundsätzliche Fragen

admin @, Freitag, 18. November 2011, 16:57 (vor 2135 Tagen) @ Herr Schütze
bearbeitet von admin, Freitag, 18. November 2011, 17:22

Guten Tag Herr Schütze!

Indem ich antworte, sehe ich mich zwei Schwierigkeiten ausgesetzt.

Da ist zunächst mein Desinteresse an Themen, die mit Geld zusammenhängen. Ich lebe seit meiner Ehescheidung von der Grundsicherung, kann auch gar nicht anders, denn in der Folge des ganz legalen Kindesraubs wurde ich unterhaltsverpflichtet, sitze also auf Unterhaltsschulden. Einnahmen würden mir gepfändet. Ich würde mich auch nicht zur fruchtlosen Erwerbstätigkeit zwingen lassen, notfalls ins Gefängnis gehen. Ohnehin führe ich ein anspruchsloses und kontemplatives Leben. Natürlich würde das die Stäätin, eigentlich: den Mittelstand, mit weiteren 90 Euro täglich belasten.

Ja, der Mittelstand! Es leuchtet mir ein, daß dort die eigentlich Leidtragenden stehen. Man könnte nun fragen: Warum sind die Mittelständler denn so dumm, daß sie sich dermaßen ausbeuten lassen? Aber genauso könnte man fragen: Warum war Jesus so dumm, daß er sich hat ans Kreuz schlagen lassen? - Vielleicht sind die Mittelständler gar nicht dumm, sondern opferbereit. Wenn ich nicht irre, finden sich gerade unter ihnen viele überzeugte Christen.

Und damit kommen wir zur zweiten Schwierigkeit, die sich mir stellt. (Ich spreche nicht von unüberwindlichen Hindernissen, wohlgemerkt!) Sie argumentieren als Atheist, ich als Gottgläubiger, ja sogar als Christ. Auch wenn es arrogant klingen könnte: Die Verständnis-Ebene des Christen liegt höher. Ein Christ versteht grundsätzlich den Nichtchristen, aber dieser kann jenen nicht verstehen. Denn der "Neue Adam" (wie Paulus sich ausdrückte) baut auf den "Alten Adam" auf und folgt aus dessen Überwindung. Es dürfte so ähnlich sein wie in der Mathematik: Wer die Analysis beherrscht, und sei es nur in den Anfangsgraden, beherrscht selbstverständlich auch die Anfangsgründe der Algebra. Umgekehrt nicht.

Das heißt freilich nicht, daß ich nichts mehr von dem, was ein Atheist mir zu sagen weiß, hinzuzulernen hätte. Vieles von dem z.B., was Brune schreibt, ist neu und interessant für mich, gerade auch auf dem Gebiet der Lebensphilosophie. Nur komme ich zwangsläufig zu teilweise anderen Bewertungen. Was etwa Nietzsche betrifft, so war er mir immer schon und bleibt er mir weiterhin hoch interessant - allerdings in dem Sinne interessant, wie für einen Arzt eine Krankheit interessant sein kann. Denn Nietzsche ist äußerst erhellend in seinem eskalierenden Haß auf das Christentum, in seinem Zusteuern auf den Wahnsinn.

Von Hegel habe ich übrigens fast nichts gelesen, leider. Ich weiß über ihn bzw. seine Philosophie nur das, was man in Philosophiegeschichten nachlesen kann, sowie einige Anekdoten. Noch weniger hat mich der Marxismus interessiert. Das relativ Interessanteste diesbezüglich sind für mich Steiners karmisch-biografische Bemerkungen über Marx und Engels: Demnach habe es sich vor einigen Jahrhunderten um zwei Feudalherren und Raubritter gehandelt, von denen der eine (Engels) den anderen auf dessen eigenen Hof gefangengesetzt und versklavt habe. Zum Ausgleich wurde er im 19. Jahrhundert dann sein Mäzen. Geistig waren beide ja schon vorher verwandt.

Was Freud betrifft, so weiß ich ungefähr Bescheid, doch sind mir seine Theorien dermaßen abwegig, ja abstrus, daß ich sie größtenteils nicht im Original gelesen habe. Bemerkenswert übrigens, daß er und auch alle anderen Psychoanalytiker, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Juden gewesen sind. Für Marx und die (Neo-)Marxisten gilt Ähnliches, wenn auch nicht ganz so extrem. Juden sind die geborenen Atheisten. (Nietzsche war in seiner Jugendzeit gläubiger Christ!)

Sie sprechen von der Notwendigkeit des gemeinsamen Kampfes. Ich bin aufgeschlossen, trotz eindeutiger Meinungsverschiedenheiten. Ich finde Ihre Beiträge anregend. Wie weit wir geistig aufeinander zukommen werden und was sich daraus ergibt, wird sich mit der Zeit herausstellen.

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Über das „anthroposophisch vertiefte Christentum“ (**) findet man allerdings auch bei ihm nicht viel - aber: ist das denn so wichtig? Wohl kaum, oder? Ihre diesbezüglichen Textstellen, lieber Herr Lentze, verstehen doch wahrscheinlich die meisten Leser nicht - weil sie keine Steinerianer bzw. anthroposophisch vertiefte Christen sind wie Sie - und überfliegen diese Textstellen, um zur nächsten verständlichen Textstelle zu gelangen. Und das ist bestimmt auch nicht gerade in Ihrem Sinne, oder?

Ich muß natürlich Rücksicht nehmen auf meine Leser, aber die Rücksicht darf nicht so weit gehen, daß ich es Jedem recht mache. Ich schreibe in erster Linie für Christen in spe. Die Anderen haben mich nicht so nötig. Wer bereits vorentschieden hat, daß die christliche Weltsicht für ihn nicht infrage kommt, der - nunja, er wird von mir vielleicht trotzdem noch etwas etwas lernen können, so wie ich von Atheisten auch. Aber nichts wird mich abhalten, eigene Standpunkte immer so darzustellen, daß sie in erster Linie dem christlich bemühten Leser weiterhelfen. Wer außer mir sollte es tun?

Es gibt uferlos viele Vertreter des Alten Weltbildes, die aber den entscheidenden Durchbruch zu neuen Welten nicht schaffen. Es gilt, den alten Reichtum zu opfern, so wie es die "Drei Weisen aus dem Morgenlande" taten, die dem Jesuskind ingestalt von Symbolen ihren Weisheits-Reichtum opferten. Es gilt, das alte Gold einzuschmelzen und sich von ihm zu trennen, um völlig neuen Möglichkeiten Raum zu geben.

Das Christentum ist sehr, sehr jung. Hier liegen unendliche Aufgaben vor uns. Vor Allem Vertiefung. Glauben ist ja mehr als Wissen. Wissen ist nur eine Vorbedingung. Zum Glauben wird Wissen, wenn es durch Meditation "in Fleisch und Blut übergeht", sich verkörpert im rhythmischen System und im Stoffwechsel-Gliedmaßen-System; wenn es das Gefühl verändert und einen neuen Willen schafft. - Wer umgekehrt im Glauben die Vorstufe und im Wissen die Endstufe sieht, der gebraucht andere Begriffe, die aber auf der "Oberstufe" eine gegenteilige Bedeutung annehmen.

Gruß!
T.R.E.Lentze


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