Wissenschaft und Christentum.

trel ⌂, Sonntag, 20. November 2011, 23:30 (vor 2133 Tagen) @ Herr Schütze

Guten Abend Herr Schütze!

Ich bin kein Atheist, sondern muß hin und wieder deswegen „atheistisch“ argumentieren, weil ich mich der Wissenschaft, der Logik, der Philosophie verpflichtet fühle!

Ich sehe da keinen Widerspruch. Um aber von der Wissenschaft zur Philosophie und weiter zum Christentum zu gelangen, muß man die Kreuzigung üben, eigentlich eine Passionsstufe, hier als methodischer Schritt.

Wie V.Tomberg in seinen "Betrachtungen über das Neue Testament", S. 198 ff. ausführt, geschehen Metamorphosen auf dem Wege der Hemmung und Freiheit in Richtung der Verinnerlichung. Das gilt für die Organbildung ebenso wie für das Innenleben. Vgl. dazu auch Goethes Metamorphosenlehre anhand der Pflanze.

Den letztgenannte Vorgang nennt man Meditation. Die Schwierigkeit besteht darin, die Denkbewegung zum Stillstand zu bringen, dabei aber nicht einzuschlafen, vielmehr die Denkkraft durch Konzentration auf einen Punkt enorm zu steigern.

Das Denken muß also, gemäß dem Jesus-Wort, durchs "Nadelöhr" gehen, um nach dieser Verarmung "ins Himmelreich" zu gelangen. Man muß absichtlich den "engen Weg" gehen, nicht den breiten, bequemen Weg.

Verengt man ein Wasserrohr, so bewirkt das eine Qualitätsänderung ingestalt einer Geschwindigkeits-Erhöhung. Oder denken wir an den hydraulischen Widder: Da wird mittels wiederholter abrupter Durchfluß-Blockade über Druckerhöhung eine Richtungsänderung des Wasserflusses nach oben bewirkt.

Für alledem steht das Symbol der Kreuzigung.

Natürlich muß die Hemmung und Befreiung geordnet geschehen. Der Wasserfluß könnte auch völlig blockiert werden oder ein Rohr platzen. Ebenso kann jemand, der am Sichbewegen und Sprechen gehindert wird, ein ungesundes Fantasieleben, ja Halluzinationen und Auditionen entwickeln oder sonstwie "durchdrehen". Wer das Meditieren üben will, kennt die Versuchung, noch "rechtzeitig" viele Sinnesreize aufzunehmen, den Rechner einzuschalten, alle möglichen Netzseiten aufzurufen, in Foren zu lesen und zu schreiben etc. Es entsteht nämlich das Gefühl der Einsamkeit, eventuell der Beängstigung.

Die Evangelien sind übrigens auf dem Wege der Meditation zustandegekommen. Die Evangelisten waren verzweifelt und einsam, völlig auf sich selbst angewiesen, und konzentrierten sich notgedrungen auf das, was sie erlebt hatten. Dabei gelangten sie zur Wahrnehmung des Ätherleibes Christi. Hier liegt aber eine Besonderheit vor. Normalerweise löst sich der Ätherleib drei Tage nach seiner Befreiung vom physischen Leib auf; bis dahin ermöglicht er einen äußerst klaren panorama-artigen Überblick über das gesamte Erdenleben. Dann geht er ins Reich der angeloi über.

Jesus hatte auf die Anschauung seines Ätherleibes verzichtet; dadurch steht dieser jetzt der Menschheit zur Verfügung, sodaß das Leben Jesu von geübten Menschen unmittelbar angeschaut werden kann. Das ist immer wieder geschehen, und durchaus nicht immer in unfreiwilligen Notlagen. Beschreibungen gab z.B. die "Seherin" Katharina Emmerich. Steiner sprach vom "Fünften Evangelium". Unter diesem Titel hat er detaillierte Beschreibungen vom Leben Jesu gegeben, die aus der Zeit vor der Jordantaufe datieren.

Man ist also, um vom Leben Jesu zu erfahren, nicht auf das verschriftlichte und überlieferte Evangelium angewiesen. Insbesondere zukünftig werden Menschen vor Allem durch Hellsicht zu Christen. Die Bibel wird ja auch immer schwerer verständlich, wie man an den theologischen Entwicklungen sieht.

Daß Jesus auf die Ansicht seines Ätherleibes verzichtete, hatte eine "Nebenwirkung": Seine Höllenfahrt. Das Versinken im Anblick des Lebenspanoramas schützt nämlich den Menschen vor dem Anblick der Hölle, d.i. die Welt Ahrimans, der sich sonst unmittelbar auftun würde. Das könnte kein Mensch ertragen. Christus hat es gekonnt - was übrigens die geistige Welt als einen äußerst dramatischen Moment erlebte. Das Ergebnis stand nicht fest! - Das führte zu einer weiteren Nebenwirkung: Der Vorhang im innersten Heiligtum des Tempels riß entzwei. Die Erweiterung des geistigen Blicks nach unten bewirkte eine gleichzeitige Erweiterung nach oben.

Derjenige Teil der Menschheit, welcher den Passionsweg, so also auch die Kreuzigung als eine seiner Stufen, ablehnt, wird irgendwann die Kreuzigung ingestalt einer dauerhaften durchaus qualvollen physischen Verhaftung erleiden (Suchtkrankheiten sind ein Vorgeschmack) und auf Erlösung seitens der weiter fortgeschrittenen Menschheit warten müssen. Ein Teil wird aber auch diese Chance verstreichen lassen und letztlich aussortiert werden.

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Die Kreuzigung ist fünfte Passionsstufe. Der Passionsweg beginnt regulär mit der Fußwaschung. Alternativen sind die Entschwebung, wie sie der Yoga betreibt (das "Kundalini-Feuer" wird ins Haupt gelenkt), und die illegitime Thronbesteigung ohne Krönung, wie sie in der Schwarzen Magie, z.B. auch in der Scientology, eingeübt wird. Dabei schafft sich das Bewußtsein eine Grundlage des Wirkens im unteren Menschen, was zur enormen Steigerung von Willenskraft und praktischer Intelligenz führen kann.

In beiden Fällen schneidet sich der Mensch die weitere Entwicklung ab, so daß die reguläre Evolution recht bald über ihn hinausschreitet. - Hingegen besteht die Fußwaschung in der Hinabwendung der Kräfte zum unteren Menschen, um diesen zu durchleuchten und zu verwandeln, nicht um ihn zum Sprungbrett egoistischer Strebungen zu machen.

In der Meditation ist es der Engel des Menschen, welcher an diesem die Fußwaschung vollzieht. In einem späteren Stadium wird der Engel hierdurch für andere Aufgaben befreit, und der Mensch übernimmt dessen Funktionen. (Der Engel überschaut die Inkarnationsreihe des Menschen und sein Karma.)

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Die zweite Passionsstufe ist die Geißelung. Hier kommt es darauf an, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Wer eine gewisse Entwicklungsstufe erreicht hat, wird nämlich von allen Seiten bedrängt, sei es zum Mitmachen, sei es zum Verlassen. Er wird eingeladen werden, Yoga zu betreiben, aber auch, sich z.B. der Scientology anzuschließen, und dafür gehaßt werden, falls er es tut bzw. nicht tut.

Christwerden heißt, standhaft zu bleiben und dafür "gehaßt werden von allen Völkern um meines Namens willen." Denn "mein Reich ist nicht von dieser Welt", d.h., man steht als Christ "zwischen allen Stühlen". Das ist eine notwendige Erfahrung, der kein werdender Christ entgeht. Man geht ja den engen Weg, den Weg durchs Nadelöhr, auch sozial. Auch die Kirche wird man u.U. verlassen. (Das habe ich etwa 1980 bereits getan.) Jedenfalls lautet die Forderung: Kompromißlosigkeit.

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Die dritte Passionsstufe ist die Dornenkrönung. Hier findet die Begegnung mit dem "Hüter der Schwelle" statt. Sie zeigt sich

Diese Erlebnisse waren bis dahin verborgen; sie halten einen ab vom Blick in die geistige Welt. Lernt man sie ertragen und

so wird man gleichsam "durchgelassen", d.h. man erschließt sich Erkenntnisse, die zu ertragen man vorher nicht reif gewesen ist.

Es gibt es Möglichkeiten, den Schwellenhüter zu umgehen. Allerdings ist das illusionär.

So gibt es Menschen, die sich für hoch geistig halten, tatsächlich auch "höhere" Einsichten haben, und entsprechend auf ihre vermeintlich weniger entwickelten Mitmenschen herabblicken. Ihre Geistigkeit ist egoistisch - luziferisch -, subjektiv angenehm, aber nicht weiterführend.

Der andere Irrweg äußert sich in der besonderen Fähigkeit, der "ungeschminkten Wahrheit" ins Gesicht zu sehen und tief in die Abgründe zu steigen, so wie Marx und Freud es taten. Dazu gehört wirklich Mut, aber es ist ein zynischer Mut, erträglich nur für den, welchem die höhere Welt verschlossen bleibt. Er sieht keineswegs den Menschen, "wie er wirklich ist", sondern den ahrimanisch gefangenen Menschen.

Hat der Mensch aber regulär den "Hüter der Schwelle" überwunden, so kommt ein anderes Problem auf ihn zu: Er wird selbst zum Hüter der Schwelle für seine Mitmenschen.

Tomberg: Er wird nicht bloß zum freigebigen Beschenker der anderen Menschen, sondern er wird gleichzeitig selbst zur Prüfung für viele Menschen. Er wird es in Kauf nehmen müssen, daß das Vertreten der Wahrheit vor den Menschen zugleich vielfach das Beschämen und das Erschrecken der Menschen mit sich bringt.

In der Folge werden die lieben Mitmenschen scharfsichtig, fast hellsichtig, für die persönlichen Mängel des dergestalt Fortgeschrittenen, und ebenso für tatsächliche oder vermeintliche Widersprüche in seiner Argumentation. Er wird "verrissen" noch und noch.

Wie er vorher (Geißelung) weder nach links noch nach rechts abweichen darf, so darf er jetzt weder einen Schritt nach vorn gehen (aggressive Abwehr von Kritik) noch nach hinten (Kompromisse eingehen).

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Es interessiert mich sehr, wie Sie Nietzsches „eskalierenden Haß auf das Christentum, in seinem Zusteuern auf den Wahnsinn“ genauer verstehen. Vielleicht können Sie darauf einmal näher eingehen.

Nietzsche war ein Mensch mit den höchsten Möglichkeiten geistiger Entwicklung; dies aufgrund seiner früheren Leben als fortgeschrittener Christ. Er kam in die Situation der Prüfung, so wie Jesus sie in der Wüste erfuhr. Er erlebte tiefste Einsamkeit. Als Luzifer nun herantrat mit dem Angebot seines Reiches, das von dieser Welt ist, da bejahte er es. Es war der Ring der Ewigen Wiederkunft - nicht die Wiederverkörperung als Entwicklung, sondern die mechanische, unablässige Wiederholung Desselben, illusionär lustvoll bejaht. Das Ich gottgleich vergrößert, gespiegelt als Welt im eigenen Besitz.

Auch König Salomo, bereits luziferisch degeneriert, erlebte - deprimiert und verzweifelt - die ewige Wiederkehr des Gleichen ("Nichts Neues geschieht unter der Sonne"), aber er anerkannte immerhin noch das göttliche Gericht. Bei Nietzsche verkehrte sich Salomos Überdruß in Lust und zuletzt in antigöttlichen Haß. Er war zuletzt nicht nur Luzifer, sondern Ahriman verfallen. Wenn Tomberg irgendwo sinngemäß schreibt, daß eine gütige Hand ihn ingestalt des Wahnsinns an Weiterem gehindert habe, so dürfte damit auf den Engel angespielt sein, der auf diese Weise in seinen Lebenslauf eingegriffen habe.

Soweit in Kürze. - Heute ist oder war Totensonntag. Der November ist überhaupt eine günstige Zeit, sich auf diese Dinge zu besinnen.

Ich wünsche Ihnen tiefe und fruchtbringende Besinnung!

trel


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