Zum Zwiegespräch über „Homosexualität, Christentum, Feminismus und Scharia“.

trel ⌂, Donnerstag, 24. November 2011, 00:14 (vor 2186 Tagen) @ Herr Schütze
bearbeitet von trel, Donnerstag, 24. November 2011, 00:20

Guten Abend, Herr Schütze!

Es freut mich, daß Sie mit meiner Denkweise gut zurechtkommen.

Was den JF-Kommentator betrifft, dessen Nickname auf Dr Schlawa lautet - ohne Punkt hinter dem Doktortitel -, so können wir ohne weitere Erkenntnisse nicht wissen, ob es sich wirklich um einen Doktor handelt, aber das nur nebenbei.

Was seine Art zu argumentieren versteht, so haben Sie ihn recht interessant charakterisiert. - Mir kommt, wenn ich an ihn denke, die Erinnerung an einen Menschen, mit dem ich vor Jahrzehnten zu tun hatte, als ich als Tagelöhner in einer Berliner Spedition beschäftigt war.

Folgendes Bild steigt in mir auf: Eiskalter Winter, früh morgens. Ein Fahrer kann seinen Lastwagen trotz laufendem Motor nicht fortbewegen, weil Restfeuchtigkeit in der Luftdruckanlage vereist ist und die Bremskolben blockiert. Das war jedenfalls damals der übliche Grund. Der Fahrer macht einige erfolglose Versuche, loszufahren, und gibt zunächst einmal auf.

Ein alter, fest eingestellter Kollege brüllt zu ihm rüber: "Haste denn mal daran gedacht, deine Handbremse zu lösen?" - Natürlich kann einem so eine Dummheit passieren, mit der Folge, daß man dann unnötigen Aufwand treibt und sehr intelligente Überlegungen anstellt, die dennoch nichts fruchten, so daß man sich, wenn einem die wahre Ursachee klar wird, mit der Hand auf die Stirn schlägt.

Hier war es aber nicht so. Vermutlich war sich der Alte der Unwahrscheinlichkeit eines solchen Versagens auch bewußt. Er wollte nur einmal, wie es seine Art war, einen jüngeren und vermeintlich blöderen Kollegen - für ihn waren grundsätzlich alle Jüngeren, vor Allem die Neuankömmlinge blöd - eine verbale Klatsche verpassen, ihn zu einem Schulbuben degradieren. Und bevor der Betroffene zu Worten fand, war der Alte auch schon wieder weg. Für dieses Verhaltensmuster war er bekannt. -

Jahre später glaubte ich ihn vor dem Eingang eines Supermarktes noch einmal erkannt zu haben. Er machte sich an seinem Fahrrad zu schaffen, um abzufahren, brüllte aber kurz zuvor noch in Richtung einer ebenfalls alten Dame, die gerade mit zwei Einkaufstaschen aus dem Markt kam: "Lassen Sie sich bloß nicht erwischen!"

Die Frau blieb verunsichert stehen und blickte um sich. Einige andere Kunden, die das mitkriegten, reagierten ebenfalls irritiert. Als die Frau den Alten sah, gewann sie ihre Fassung wieder und rief ihm empört zu: "Ja, wollen Sie mir unterstellen, ich hätte gestohlen, oder was?"

"Ich unterstelle Ihnen gar nichts", entgegnete der Alte mit lauter Stimme, "aber Andere vielleicht!" Dann schwang er sich aufs Fahrrad und fuhr los. Die Frau war sprachlos. Um sein Werk der Verhöhnung perfekt zu machen, sagte, besser: sang er dann noch die Worte: "Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich in den Himmel komm'." Dieses Kindergebet legte er der Kundin, die er vermutlich gar nicht kannte, sozusagen in den Mund. Eine zunächst stille, dann lauter werdende Empörung erfaßte die Frau und einige Zeugen des Geschehens.

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Es ist richtig, daß die Stände-Ordnung heute nicht nur weitgehend verwischt, sondern bisweilen zwar ersichtlich, dann aber durcheinandergeraten ist. Es gibt promovierte Akademiker, die sich aufführen wie Rüpel (u.U. sogar prügeln), und es gibt, was den gesellschaftlichen Rang betrifft, sehr einfache Leute, die aber ein hoch kultiviertes Verhalten an den Tag legen. Das gab es zwar auch schon früher, aber wahrscheinlich nicht in dem Maße.

Was im Besonderen die Kirchenlehrer des Mittelalters betrifft, so fällt mir aber auf, daß gerade ihre höchsten Vertreter sehr sorgfältig argumentiert haben und auch bescheiden aufgetreten sind. Das gilt z.B. für Thomas von Aquin. Wir haben an der Uni (ich habe in fortgeschrittenem Alter das Abitur nachgeholt und dann einige Semester Philosophie studiert) seine Schrift "De Veritate" behandelt. Thomas behauptet nicht etwas stur, sondern er greift alle Einwendungen auf, die nur denkbar sind, und erörtert sie. Das gegen die Kirche üblichweise vorgebrachte Argument, sie stelle den Glauben über das Denken, trifft allenfalls in Grenzfällen zu.

Was Steiner betrifft, so spricht er Dinge aus, die größtenteils wohl niemand von uns überprüfen kann. Gleichwohl wendet er sich speziell an den wissenschaftlich eingeübten Menschen, nicht an Schwärmer. Das unterscheidet die Anthroposophie von vielen anderen okkultischen Strömungen. Ich hatte in Berlin gelegentlich anthroposophische Vorträge eines Bodo Hamprecht, Professor an der TU für Teilchenphysik, gehört. Die waren vollkommen logisch und in ihrer Aussage freilassend.

Es kennzeichnet übrigens die weitaus meisten wissenschaftlichen (nicht-anthroposophischen) Mitteilungen, daß niemand von uns sie überprüfen kann. In der der Regel fehlen uns nicht nur die vorbereitenden Kenntnisse, sondern obendrein und vor Allem die nötigen Mittel oder Erlaubnisse. Wir sind da auf den bloßen Glauben angewiesen, daß uns die sogenannten Wissenschaftler mal nicht belügen werden.

Den Mitteilungen Steiners bringe ich meist ein weitaus größeres Vertrauen entgegen, weil sie, obwohl ohne Erlangung höherer Fähigkeiten nicht überprüfbar, dennoch alle in sich schlüssig sind, mir "intuitiv" irgendwie einleuchten, und - vor Allem - erhellendes Licht auch auf das praktische Leben werfen. Das gilt insbesondere für die Kosmologie. Was die akademischen Physiker uns sagen, ist mir alles nicht nur viel zu hypothetisch, sondern auch zu abwegig, zu lebensfern.

Meine besten Grüße für heute Nacht, und bis demnächst!

trel


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