Geschichte ist menschlich? - Das Menschliche ist Geschichte!

Historiker, Mittwoch, 30. November 2011, 18:09 (vor 2184 Tagen) @ Patrick Bieri
bearbeitet von Historiker, Mittwoch, 30. November 2011, 18:23

@ Patrick Bieri

Geschichte ist nicht wissenschaftlich, Geschichte ist menschlich. Die wissenschaftlich-historische Methode versagt, denn sie verkennt das Menschliche (so auch in der Analyse der Bibel).

Also ist für Sie wahrscheinlich auch Physik nicht wissenschaftlich, sondern - ich rate mal -„menschlich“. Gut (oder Freundlichkeitsfloskel?! Alle Erscheinungen - also auch solche der Geschichte - sind auch der Wissenschaft zugänglich. Das wollen Sie doch wohl nicht ernsthaft bestreiten, oder? Deswegen ist Geschichte trotzdem menschlich. Beides muß sich doch nicht immer gegenseitig ausschließen. Wenn Sie wollen, daß beide sich gegenseitig ausschließen, sind Sie genauso wie die, die sie kritisieren.

Ich maße mir ja auch nicht die Behauptung an, daß z.B. Gott eine rein menschliche Erfindung ist und ansonsten „versagt“. Wenn Sie die Wissenschaft nicht respektieren wollen, ist das insofern in Ordnung, als es ihre Meinung ist, aber ansonsten ist das überhaupt nicht in Ordnung! Ich lasse Ihnen ja schließlich auch Ihre Äußerungen zu Ihrem Glauben, also lassen Sie mir - bitte - auch meine zu meinem Wissen!

Etwas wissenschaftlich zu betrachten, muß nicht notwendigerweise bedeuten, daß man etwas NUR wissenschaftlich betrachten will! Aber Sie scheinen zu wollen, daß man Geschichte NUR menschlich betrachtet, und das ist numal - verzeihen Sie mir bitte - genauso dumm wie das Dogma, alles NUR wissenschaflich betrachten zu wollen. Etwas wissenschaftlich zu betrachten, hat durchaus viele Vorteile, solange dies nicht mißbraucht wird. Etwas „menschlich“ zu betrachten, hat ebenfalls durchaus viele Vorteile, solange dies nicht mißbraucht wird. Beides ist miteinander vereinbar, aber wer beides gegenseitig ausschließt oder gegeneinander ausspielt, will betrügen (vgl. Carl Schmitt), und zwar (a) sich selbst, (b) andere, (c) sich und andere.

Ich bleibe daher dabei: Ihre Vergleichsbeschreibungen der „LOLA-Szene“ passen EHER z.B. auf die „68er“, den Feminismus, die „Scientology“ und sämtliche „Antinational-“ und „Migrationsindustrien“ als auf andere, nämlich ältere (d.h. aber nicht, daß sie auf diese gar nicht passen - das Wort „EHER“ beachten!), und die „Unterwanderung beginnt im Bildungsbereich“, aber daß das so ist, kann man nicht nur rein „menschlich“, sondern auch mit wissenschaftlich-historischen Methoden erkennen. Ich habe nie behauptet, daß die Geschichte wissenschaftlich sei, sondern lediglich, daß die Geschichte der Wissenschaft zugänglich ist. Mit dem, was ich gesagt habe, haben Ihre zwei folgenden Sätze also gar nichts zu tun:

Geschichte ist nicht wissenschaftlich, Geschichte ist menschlich. Die wissenschaftlich-historische Methode versagt, denn sie verkennt das Menschliche (so auch in der Analyse der Bibel).

Die wissenschaftlich-historische Methode versagt NICHT, und sie verkennt auch NICHT das Menschliche; denn es kommt immer darauf an, wer unter welchen Bedingungen und zu welchen Zwecken Wissenschaft betreibt. Ich bin kein Wissenschaftsfanatiker. Auch ich habe Zweifel an der Wissenschaft, aber gerade das ist befruchtend für die Wissenschaft. Und wenn das Menschliche dabei auf der Strecke bleibt, dann träte auch ich zuerst für das Menschliche ein, wenn da nicht die Frage wäre: Was ist das „Menschliche“? Das ist doch die viel wichtigere Frage!

In Heideggers 1946 veröffentlichtem Brief über den Humanismus ist zu lesen, daß der „Humanismus ... die Humanitas des Menschen nicht hoch genug ansetzt“ (S. 327). Außerdem hatte Heidegger schon in einer in seiner Freiburger Vorlesungen gesagt: „Die Wissenschaft denkt nicht“, und das bedeutet: „Die Wissenschaft bewegt sich nicht in der Dimension der Philosophie, sie ist aber, ohne daß sie es weiß, auf diese Dimension angewiesen. Zum Beispiel: Die Physik bewegt sich im Bereich von Raum, Zeit und Bewegung; was Bewegung, was Raum, was Zeit ist, kann die Wissenschaft als Wissenschaft nicht entscheiden. Man kann nicht mit physikalischen Methoden sagen, was die Physik ist. Das kann man nur philosophierend sagen.“ (Zitat laut Film-Interview). „Die Wissenschaft denkt nicht“ - dieser Satz, so Heidegger, „ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung“.  Diese ausgesprochene „Gedankenlosigkeit ist verbunden mit der Seinsvergessenheit“. (Ebd.). Es ist in diesem Fall durchaus statthaft, das Wort „Philosophie“ ausnahms-, weil experimentellerweise durch das Wort „Transzendenz“ zu ersetzen, denn dadurch wird erhellend, daß das Menschliche selbst das Fragwürdigste ist. Also: der Humanismus, die Humanitas, ja das Menschliche überhaupt ist doch das Primäre an der Fragwürdigkeit, und nicht die Wissenschaft, denn die ist dafür ja nicht der Grund (schon gar nicht die Ursache), sondern „nur“ eine der vielen Folgen des Menschlichen. Ich sage: Der Humanismus bzw. das Menschliche selbst ist das Problem!

Gehen doch auch Sie einmal darauf ein!

Grüße!

Historiker


gesamter Thread:

 RSS-Feed dieser Diskussion

powered by my little forum