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Pflichtlektüre! Hans Thomas: Schuld als Kult. Vom Abgründigen im deutschen.....

admin @, Dienstag, 31. Januar 2012, 14:47 (vor 2122 Tagen)
bearbeitet von admin, Samstag, 04. Februar 2012, 00:10

Der folgende Text ist kopiert und neu formatiert von einem PDF, das hier aufzurufen ist. Da es vielen Lesern lästig ist, sich durchzuklicken, gebe ich - hoffentlich mit Einverständnis des Verlages - hier den ganzen Text.

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Evangelische Notgemeinschaft in Deutschland e.V.

Erneuerung und Abwehr

Evangelische Zweimonatsschrift

Ausgabe Nr. 5/2004 (Sept./Okt. 2004)
39. Jahrgang – E 3644

Schwerpunktthema: Europa ohne Gott

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Hans Thomas:

Schuld als Kult.
Vom Abgründigen im deutschen Gutmenschen

Bei einer Kundgebung 1988 auf dem Wiener Rathausplatz erklärte der große Psychiater Viktor E. Frankl:

„Jemanden nicht persönlich, sondern kollektiv schuldig zu sprechen, lehne ich strikt ab. Es gibt keine Kollektivschuld."2

Frankls Wort hat Gewicht, weil seine Eltern, sein Bruder und seine junge Frau in Konzentrationslagern umkamen und er selbst unter steter Lebensgefahr mehrere Jahre in Auschwitz und anderen Lagern verbringen mußte. Aber auch als Begründer der weltweit anerkannten Logotherapie kommt seinem Urteil besondere Bedeutung zu.

Auch Richard v. Weizsäcker - der selbst bei seinem Vater, dem zweiten Mann nach v. Ribbentrop, auf Unschuld und Nichtwissen plädierte - hat in seiner bekannten Rede vom 8. Mai 1985 klar gemacht, „daß es allein um Kollektiv-Verantwortung gehen kann". 3

Wie könnte heute ein verantwortungsvoller Umgang mit den Greueln der Vergangenheit aussehen?

Drei Dinge dürften dabei wohl unverzichtbar sein:


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2 Fernsehaufzeichnung.
3 Vgl. Matthias Gierth, ûSelbstbewußt beginnenû, Rheinischer Merkur Nr. 46/2003, S. 1.
Erneuerung und Abwehr 5/2004

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Der deutsche Selbsthaß

Hier scheinen die Dinge freilich im Argen zu liegen, weil immer wieder krankhafte Züge sichtbar werden. So warnt z.B. Rolf Stolz, einstmals Mitbegründer der Grünen, in seinem Buch „Der deutsche Komplex" davor, das Phänomen des deutschen Selbsthasses zu unterschätzen:

„Die Deutschen als lebensunwertes Leben, Deutschland teils als absolute politische Unmöglichkeit, teils als Krebsgeschwür Europas - das ist jenes zugespitzte, übersteigerte Selbst(-haß-)Gefühl, das in dieser Radikalität bisher nur eine gewisse Szene erfaßt hat, aber heute bereits in abgemilderter Form ein tatsächliches Massenphänomen ist." 4


Gerhard Stoltenberg zitiert in diesem Zusammenhang den Stuttgarter Historiker Eberhard Jäckel, der wichtige Beiträge zur Erforschung der Hitler-Diktatur geliefert hat:

„Das moralische Urteil gerade der jüngeren hat oft etwas Masochistisches, Gnadenloses, Überhebliches... So entstehen aus einer hitzigen Debatte Einseitigkeiten, die die Realitäten verzerren." 5

Altkanzler Helmut Schmidt sagt es so:

„Ich möchte, daß die Fakten bekannt und moralisch bewertet werden. Aber man schneidet sich den Erfolg völlig ab, wenn man die Kinder von 18 Millionen glauben läßt, ihre Eltern seien die Schuldigen und man selbst sei nun aufgeklärt, moralisch in Ordnung und wäre - hätte man damals gelebt - Widerstandskämpfer geworden." 6

Überheblichkeit, Selbstgefälligkeit und Masochismus dürften sicher nicht das moralische Rüstzeug sein, um die Aufarbeitung der Vergangenheit in guter Weise zu gewährleisten. Vielmehr gibt das Anlaß zur Sorge, von Deutschland könnte erneut Unheil ausgehen. Ein krankhaft denkender und empfindender Partner, der sich selber schadet, ist kein vollgültiger und beständiger Partner. Seriöse Beobachter wie z.B. Joachim C. Fest urteilen:

„Nachdem die Deutschen die Welt mit Knobelbechern nicht erobern konnten, nähern sie sich ihr jetzt im Büßergewand. Aber es steht der gleiche hohe Anspruch hinter dem einen wie dem anderen, der Welt lästig zu fallen." 7


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4 Bei Heinz Nawratil, Der Kult mit der Schuld, München 2002, S. 10.
5 In: Poeppel/v. Preußen/v. Hase (Hg.), Die Soldaten der Wehrmacht, München 2000, S. 14.
6 Ebd., S. 22.
7 Idea-Spektrum Nr. 6/2000, S. 7.
Erneuerung und Abwehr 5/2004

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Und der namhafte Sozialwissenschaftler Josef Schmid meint:

„Den allzeit reparationswilligen weltgeschichtlichen Sünder zu machen, ist inzwischen für einen ganzen Kontinent irritierend. Besonders für die Nachbarvölker hat es etwas Unangenehmes, weil man nur mit gleichwertigen, ernstzunehmenden Partnern eine dauerhafte und reibungslose Beziehung eingehen kann. Doch damit werden sich diese noch gedulden müssen. Die Deutschen werden ihren Hang zum Exzeß nicht so bald los. Auf der Suche nach angenehmer Temperatur hüpfen sie zwischen der glühenden Herdplatte und dem Schaff mit kaltem Wasser hin und her wohl auf der Suche nach dem ausgeglichenen Temperament, das die Nachbarn dringend erhoffen." 8

Was das Ausland dazu sagt ...

Das ist nicht zuviel gesagt, denn in der Tat werden im Ausland entsprechende Befürchtungen zunehmend ausgesprochen. Der lettische Staatspräsident Lennart Meri z.B. urteilte:

„Man kann einem Volk nicht trauen, das sich rund um die Uhr in intellektueller Selbstverachtung übt."9

Der ehemalige französische Innenminister Jean-Pierre Chevenément, der den Deutschen vorwirft, mit dem Nationalsozialismus auch die Nation verwerfen zu wollen, pflichtet bei:

„Wir brauchen ein Deutschland, das von sich überzeugt ist und seine Vergangenheit voll und ganz bewältigt hat."10

Sein Landsmann, der Philosoph André Glucksmann, meint:

„Wir haben einst Deutschlands Stärke gefürchtet, nun fürchten wir seine Schwäche."11

Der britische Bestsellerautor Frederick Forsyth sagt ebenfalls:

„Von der Geburt bis zur Universität hört kein Deutscher ein positives Wort über sein Heimatland. Er hört nur von den Sünden, von den schrecklichen zwölf Jahren des Hitlerismus. Die übrige Geschichte fällt unter den Tisch. Ich sehe keine Wiedergeburt des Faschismus, keine Wiedergeburt des

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8 Josef Schmid, ûDie Moralgesellschaftû, München 1999, S. 10.
9 Idea-Spektrum Nr. 19/2000, S. 7.
10 Peter Gauweiler, ûNachdenken über Jean-Pierre Chevénement,û, Welt am Sonntag Nr. 23/2000, S. 2.
11 Bei J. Schmid, a.a.O., S. 10.
Erneuerung und Abwehr 5/2004

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Militarismus in Deutschland .... Ich fürchte die deutsche politische Korrektheit mehr als einen neuen Hitler."12

Alfred M. de Zayas, Historiker und Völkerrechtler u.a. in Chikago und Harvard, schrieb:

„Wenn mich etwas am heutigen Deutschland stört und beunruhigt, ist es diese Neigung zu übertriebener Selbstkritik, die für mich bedeutet, daß viele Deutsche den Sinn für Realität, für Geschichte, für Verhältnismäßigkeit verloren haben. Oder schlimmer, daß manche Deutsche wohl an einer Megalomanie leiden. Sie wollen die größten Verbrecher der Geschichte sein und die größten Büßer, dies halte ich für pathologisch." 13

„Ich glaube, Bundeskanzler Schröder tut gut daran, sich nach vorne zu bewegen und die Geschichte, die mehr als 50 Jahre zurückliegt, Geschichte sein zu lassen" 14, meinte Didier Sicard, Präsident des Nationalen Ethikrats von Frankreich. Politiker wie Patrick Buchanan 15, Ronald Reagan, George W. Bush, Jaques Delors, Otto v. Habsburg und andere haben sich in einem ähnlichen Sinne geäußert. 16

Selbst Wladimir Putin kritisierte die Haltung derjenigen, die in Deutschland stets vor „Deutschtümelei" warnten und der Selbstverachtung das Wort redeten:

„Ich halte diese Position für falsch. Kein Land darf ewig unter der Schuld leiden, die es einmal in der Geschichte auf sich geladen hat."17

Wenn auch das deutsche Schuldbewußtsein verständlicherweise vielfach noch mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis genommen wird, so zeigt sich doch: Das Ausland erkennt offensichtlich in
der Haltung des deutschen Selbsthasses irrationale und pathologische Züge, die Anlaß zur Besorgnis für ein gesundes Miteinander der europäischen Völker geben. Sehr bedeutsam ist, daß auch namhafte Persönlichkeiten des Judentums die Deutschen ermuntern, wieder den aufrechten Gang zu gehen. Genannt seien u.a. Yehudi Menuhin, der britische Verleger und Schriftsteller Victor Gollancz, Theodore Ellenhof vom American Jewish Committee, der Theologe Pinchas Lapide, die ukrainischschweizerische Schriftstellerin Salcia Landmann („Die Bußbereit-

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12 Bei H. Nawratil, a.a.O., S. 121f.
13 Idea-Spektrum Nr. 19/2000, S. 7.
14 Bei H. Nawratil, a.a.O., S. 118f.
15 Idea-Spektrum Nr. 14/2000, S. 11.
16 Bei Nawratil, a.a.O., S. 17, 101, 204, 236f.
17 Ebd., S. 206.

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schaft wegen Auschwitz birgt schon lange irrationale massenpsychotische Elemente") und der Gründer und Leiter des jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, Simon Wiesenthal („Ich habe immer vermieden zu sagen >die Deutschen<. Aus dem einfachen Grund, weil ich nicht mag, wenn man sagt >die Juden<"). 18

Anders Michel Friedmann:

„Versöhnung ist ein absolut sinnloser Begriff. Den Erben des judenmordenden Staates kommt gar nichts anderes zu, als die schwere historische Verantwortung auf sich zu nehmen, generationenlang, für immer."

Maßlosigkeit – auch in der Selbstverneinung

Untersucht man die einschlägigen Texte deutschen Selbsthasses etwas genauer, so fällt eine Maßlosigkeit auf, die in Deutschland eine gewisse Tradition hat. Ludwig Erhard z.B. wurde als „Maßhaltekanzler" verhöhnt und auch Christa Meves diagnostizierte eine „manipulierte Maßlosigkeit". Aber auch schon bei Goethe, Fichte, Schopenhauer, Nietzsche, Karl Julius Weber, Heine u.a. ließe sich mancher kritische Gedanke zu diesem Thema entdecken. Churchill soll gesagt haben, daß man die Deutschen entweder am Hals oder zu den Füßen habe, sie also zwischen Extremen schwanken. Und schon Clemenceau (frz. Ministerpräsident von 1917-1920) urteilte:

„Die Deutschen kennen keine Mittellinie, sie sind maßlos. In guten Tagen verherrlichen sie ihre Ideale bis zur Selbstaufopferung, nach der Niederlage aber beschmutzen sie ihr eigenes Nest, nur um zu gefallen."20

Nehmen wir als Beispiel einen dieser maßlosen Texte. Er stammt von Wiglaf Droste, der als freier Autor Medien wie u.a. „Der Spiegel", „Süddeutsche Zeitung", „Kritisches Tagebuch" des WDR, „Junge Welt", „taz", „Neues Deutschland" und „Titanic" beliefert. Er lautet (und ich bitte den Leser um Entschuldigung wegen gewisser Ausdrücke im Zitat!) :

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18 Ebd., S. 17, 45f., 113, 236.
19 Ebd., S. 19.
20 Zitiert aus einem Leserbrief von K. Häberlen in der Welt am Sonntag.

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„Das deutsche Volk hat die moralische Verpflichtung auszusterben, und zwar subito. Jeder Pole, Ruße, Jude, Franzose, Schwarzafrikaner usw. hat genau so viele Rechte, auf >deutschem Boden<, von dem gesprochen wird, als sei er heilig und gebenedeit, zu leben wie irgendein Deutscher - wenn nicht gar mehr.

Ich habe kein persönliches Schuldgefühl, was die deutsche Vergangenheit angeht, und ich möchte niemandem eins einreden. Historisch aber muß eine Gerechtigkeit erzwungen werden, und wenn so zirka 100 Millionen Asylanten, egal, wie arm, krank und kriminell sie sein mögen, aufgenommen und gleichwertig behandelt worden sind, dann darf an einem Kneipentisch ein Besoffener einmal leise seine Überfremdungsbeschwerde führen - aber keinen Tag eher.

Die >Deutschland-den-Deutschen< - Deutschen, egal, ob sie radikal nazistisch wie in Hoyerswerda oder unterschwellig rassistisch auftreten wie zum Beispiel in Saarlouis oder Bielefeld, haben den Rand zu halten und sich nicht zu mopsen. Tun sie es doch, gehören sie - ja doch! - deportiert, an den dunkelsten, kältesten und elendesten Ort, der sich in diesem Universum finden läßt. Dort dürfen sie dann in der Scheiße, die sie im Kopf haben, ersaufen."


Schaut man bei derartigen Texten der Selbstverneinung, die nicht immer so kraß sein müssen wie der vorliegende, etwas genauer hin, so springt einen sofort die schon erwähnte Maßlosigkeit an. Des weiteren entdeckt man: Irrationalen Utopismus. Kann man wirklich annehmen, daß ein multikulturelles Gebilde des hier erwähnten Ausmaßes funktionieren wird?

Aggressivität und Rüpelhaftigkeit sind ebenfalls kennzeichnend. Man erblickt ferner eine diktatorische, ja brutale Unterdrückung anderer Meinungen in einem Klima der Nötigung. Angesichts der Erfahrungen mit multikulturellen Gesellschaften in aller Welt, wird man doch noch einige sachliche Bedenken vortragen dürfen. Schließlich bezeichnete selbst „Der Spiegel" schon vor Jahren im Titel die multikulturelle Gesellschaft als „gescheitert".22

Ersichtlich ist auch eine Va-banque-Mentalität. Die eigenen Vorstellungen müssen auf Biegen und Brechen ohne Rücksicht auf etwaige Folgen durchgesetzt werden. (Hitler zu Göring: „Ich habe in meinem Leben immer va banque gespielt".) Sogar eine rassistische Komponente klingt an. Nicht nur der Schuldige, nein, der Deutsche als solcher wird für minderwertig und lebensunwert erklärt. Der jüdische Historiker Michael Wolffsohn schreibt dazu:

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21 Bei Nawratil, a.a.O., S. 9f.
22 Der Spiegel Nr. 16 vom 14.4.1997.

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„Das Instrument des Antigermanismus ist ebenso wirksam wie das des Antijudaismus, der sich ebenfalls von seinem Objekt verselbständigt hat...Der Antigermanismus zeichnet, verzeichnet und überzeichnet das heutige Deutschland ebenso wie einst der Jude nur als Fratze dargestellt wurde". 23

Dagens Nyheter schreibt:

„Die Verachtung der Deutschen ist eine Art Rassismus, an der sich viele festklammern, weil jeder andere Rassismus verboten ist".

Es wird sogar - wenn das nicht erhellend ist! - der Wunsch nach Deportation und Vernichtungslagern geäußert. Wie man deutlich sieht, geht es hier auch gar nicht so sehr um echte Barmherzigkeit gegenüber armen Asylanten, sondern um einen überbordenden Selbstzerstörungswillen. Botho Strauß:

„Intellektuelle sind freundlich zu Fremden, nicht um des Fremden willen, sondern weil sie grimmig sind gegen das Unsere und alles begrüßen, was es zerstört". 25

Das alles kommt einem bekannt vor. Und so darf man sich nicht wundern, wenn die Frage auftaucht, ob man bei den Verfassern solcher Texte wirklich echte „Antifaschisten" vor sich hat oder nicht doch Vertreter anderer Provenienz, vielleicht „rot lackierte Nazis" (Kurt Schumacher). Man darf sich auch nicht dadurch täuschen lassen, daß vieles im Gegensatz zu Hitler gesagt wird. Auch das kann eine Fixierung auf ihn bedeuten, eine negative infantile Bindung statt einer reifen Selbständigkeit. Arnulf Baring:

„Wir bilden uns seit 1945 ein, wir hätten die Vergangenheit begriffen. Wir haben sehr einseitige Schlußfolgerungen gezogen, nämlich immer das Gegenteil von dem für richtig zu halten, was Hitler und seine Zeitgenossen für richtig gehalten haben". 26

Hätte man wirklich aus der Geschichte gelernt, würde man alles daran setzen, Deutschland nicht wieder zu einem Krisenherd werden zu lassen, aus dem neues Unheil erwächst.

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23 Bei Nawratil, a.a.O., S. 89.
24 Ebd., S. 86.
25 Ebd., S. 186f.
26 Arnulf Baring, ûDeutschland was nun?û, Focus Nr. 9/1997, S. 72ff.

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Ein psychologischer Erklärungsversuch

Was sind nun die eigentlichen Motive für diese Haltung der Selbstverneinung? Grundsätzlich wird man alle psychologischen Möglichkeiten bis hin zum Todestrieb in Betracht ziehen müssen. Es gibt
den echten, unüberwundenen Schmerz und Zorn über die Verbrechen, die in unserem Volk geschehen konnten. Man wird aber auch mit Selbsttäuschungen durch psychologische Kniffe und Tricks rechnen müssen, die nicht der Wahrheit und Heilung dienen, sondern für den eigenen Seelenhaushalt nützlicher sind als für andere.

Gedacht ist an psychische Vorgänge wie Kompensation, Projektion, Verdrängung, Verschiebung, Rationalisierung etc. Man versucht so z.B. eigene Defizite auszugleichen, indem man sich in anderer Hinsicht umso strenger und moralischer gebärdet. Man projiziert eigenes Böses in andere hinein, um es da bequemer und nicht so schmerzhaft bekämpfen zu können. Man versucht, falsche Entscheidungen logisch zu begründen. Und man verschiebt dringend gebotene Entscheidungen auf Ersatzhandlungen, die es ermöglichen sollen, das eigentliche Problem nicht in Angriff zu nehmen.

Zu bedenken ist auch, daß eine steil idealistische Gesinnungsethik ohne Verantwortungsethik, wie man bei der RAF gesehen hat, leicht in eine brutale Aggression umschlagen kann. (Ulrike Meinhof: „Natürlich (!) darf geschossen werden!") Diese kann sich auch gegen das eigene Ich richten. Der Psychologieprofessor Herbert Speidel verweist in diesem Zusammenhang auf eine Beobachtung Sigmund Freuds:

"Es ist merkwürdig, daß der Mensch, je mehr er seine Aggressionen nach außen einschränkt, desto strenger, also aggressiver in seinem Ich-Ideal wird". 27

Es ist ein in der Psychologie bekannter Vorgang, daß eine nach außen gerichtete Aggression, auch eine gesunde, die der Selbstbehauptung dient, sich nach innen kehren kann und sich dann gegen
einen selbst richtet. Das kann sowohl bei einem Individuum wie bei einem Kollektiv der Fall sein. Es ist einem dann ein Instrument in die Hand gegeben, mit dem man sich selber beschneiden und quälen kann. (Walter Jens: »Keine Wiedervereinigung! Schuld!" - Günter

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27 Bei Nawratil, a.a.O., S. 252.

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Graß: ,>Gegen ein Selbstbestimmungsrecht, das anderen Völkern zusteht, spricht Auschwitz".) 28

Speidel erklärt nun einleuchtend, wie es im Nachkriegsdeutschland zu einem „kollektiven malignen Introjekt" kam. Der sehr differenzierte Prozeß kann hier im einzelnen nicht nachgezeichnet werden. Die allgemein sichtbaren Folgen seien aber erwähnt. Speidel beschreibt sie so:

„Die kollektive Vorstellung der Wertlosigkeit, Gefährlichkeit usw. der Werteprinzipien der solchermaßen beschädigten nationalen Gemeinschaft, erzeugt und fördert eine masochistische Moral. Ihre Modalitäten sind unaufhörliche Schuldbekenntnisse und Bußrituale, die nationale Selbsterniedrigung und die Bereitschaft zu unbegrenzten Wiedergutmachungsangeboten. Eine derartige kollektive Moralpathologie besitzt große Dauerhaftigkeit, weil sie mit vielfachen Belohnungen verknüpft ist: Die moralische Haltung schafft deren Vertretern ein großes moralisches Überlegenheitsgefühl und rettet außerdem in der Selbsterniedrigung eine pathologische Form nationaler Kohärenz; die Selbsterniedrigung ist aber gleichzeitig auch das Mittel der Verschleierung dieses Überlegenheitsgefühls...

Vertreter masochistischer Moral feiern begeistert alle Beleidigungen und Verletzungen der Wertegemeinschaft, in der diese masochistische Moral dominiert, scheinbar ohne Kritik und Gegenwehr; die Beleidiger werden als mutige Helden gefeiert, weil sie die flagellantischen Bedürfnisse der masochistischen Moralgemeinschaft am besten bedienen. Diese feiert ihre grenzenlose Friedfertigkeit und entwickelt in deren Schutz ein totalitäres Regime, deren Mechanik schon Freud beschrieben hat. Das als äußere Realität vernichtete totalitäre System ersteht in neuem Gewande wieder, weil die Bekämpfung des Bösen dieses nicht vernichtet, sondern ihm ein geheimes Überleben in Gestalt negativer identifikatorischer Prozesse anbietet, wie im Kampf der 68er Generation gegen die Nazitäter mit der >Militanz<, das heißt der terroristischen Aktivität ihrer Wort- und Handlungsführer.

Masochismus, dominierender Bestandteil nationaler Erlebnisstruktur Nachkriegsdeutschlands, und Sadismus sind aber Geschwister, und wo Masochismus, verborgen in seinen honorigen Verkleidungen wie Antinationalismus, politische Korrektheit, Antifaschismus usw., blüht, ist sein sadistisches Pendant nicht weit: in Gestalt eines totalitären öffentlichen, in unseren Medien weitverbreiteten Meinungsterrors....

Eine solche kollektive pathologische Haltung hat aber schwerwiegende Folgen; die Destruktion des nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls als eines Aspekts von Bindungsfähigkeit beschädigt auch dessen andere Bestandteile: verbindliche Beziehungen, die Sozialverbindlichkeit der Sexuali-

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28 Ebd., S. 105.

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tät, die Vertrautheit zwischen den Generationen, die Generativität, das heißt das Interesse an der nachfolgenden Generation, die Erziehungskompetenz der Eltern, die Pädagogik, die Bildungspolitik - alle diese Elemente der Bindungsfähigkeit sind unter dem Einfluß einer masochistisch-destruktiven Moral als Abwehrformation unter der Wirkung des malignen Introjekts der Kollektivschuld tatsächlich auch schwer beschädigt worden. Die Agenten dieser kollektiven Selbstdestruktion sind die sogenannten 68er. Die Angehörigen dieser tragischen Generation sind die Träger dieses autodestruktiven Introjekts. Die Geschichtsindoktrination durch die Sieger und das Verstummen der Kriegsgeneration der Enttäuschten, Gefoppten, Geschlagenen, Diffamierten, die mit einer Minderheit von Verbrechern konfundiert wurde (siehe die Reemtsma-Ausstellung, in der eine ganze Generation als Bestandteil einer Verbrecherorganisation dargestellt wird), haben die im Wohlstand aufgewachsenen Söhne der Kriegsgeneration ihren Eltern entfremdet, ihnen ein verzerrtes Geschichtsbild, gleichzeitig aber das Hochgefühl der beschriebenen masochistischen Moral vermittelt, das sie so resistent gegen Wahrnehmungskorrekturen macht."

Es liegt nun auf der Hand und müßte eigentlich jedem einleuchten, daß eine Selbstverneinung weder psychologisch, noch theologisch, noch politisch richtig sein kann. Der Autodestruktive schadet nicht nur sich selbst, sondern auch dem Gefüge, in dem er lebt. Daher auch die berechtigte Sorge tiefer blickender ausländischer Staatsmänner, die sich durch die demutsvolle Außenseite der Autodestruktion nicht beirren lassen und diesem deutschen Phänomen mißtrauisch gegenüberstehen, weil sie eine Aggressionsumkehr für möglich halten.

Wie ließe sich nun die „Volksseele“ heilen?

Der Christ orientiert sich bekanntlich in allen Fragen an der Bibel. Und die Kirchen, sofern sie das auch tun, könnten viel zur Lösung des Problems beitragen und die Debatte versachlichen und richtig stellen, wenn sie wieder einige biblische Grundwahrheiten ins Volk hineinbrächten. Drei davon seien hier genannt:

Erstens: „Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer." (Röm.
3,12)

Roger Schutz, Gründer und Leiter der Kommunität Taizé, sagte neulich:

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29 Bei Nawratil, a.a.O., S. 244ff.

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„In allen Nationen gibt es eine kleine Zahl von Wahnsinnigen; wenn es ihnen gelingt, die Macht zu ergreifen, sind sie dazu fähig, unzählige Menschen in ein Räderwerk von Haß und Krieg hineinzuziehen. Deshalb kommt es entscheidend darauf an, niemals die Angehörigen einer Nation zu demütigen, in der einige wenige Führer unvorstellbare Greuel veranlaßt haben. Man kann es nicht oft genug sagen: Es gibt kein Volk, das schuldiger ist als das andere."30

Diese Erkenntnis der allgemeinen Sündhaftigkeit, die vor Hochmut bewahrt, sollte nun aber nicht benutzt werden, um Verbrechen der Vergangenheit zu relativieren, herunterzuspielen und zu entschuldigen. Vielmehr sollte verstärkt die Gefährdung durch die eigene Sünde ins Blickfeld rücken.

Darum gilt zweitens:

„Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle ebenso umkommen".
(Luk. 13,4).

Jesus zieht den Blick von den Sünden anderer in der Vergangenheit ab und lenkt ihn auf eigene Schuld in der Gegenwart. Diese Blickrichtung hat auch Hannah Arendt:

„Moralisch gesehen ist es ebenso falsch, sich schuldig zu fühlen, ohne etwas Bestimmtes angerichtet zu haben, wie sich schuldlos zu fühlen, wenn man tatsächlich etwas begangen hat. Ich habe es immer für den Inbegriff moralischer Verwirrung gehalten, daß sich im Deutschland der Nachkriegszeit diejenigen, die völlig frei von Schuld waren, gegenseitig und aller Welt versicherten, wie schuldig sie sich fühlten." 31

Es ist kein Kunststück, den Nazis noch ein paar Steine hinterher zu werfen, während man z.B. die millionenfache rechtswidrige Tötung ungeborener Kinder mit ihren Folgen auf die leichte Schulter nimmt und eine „Kultur des Todes" (auch im Hinblick auf die Euthanasie) immer mehr um sich greift.

Allein schon die gigantische Verschuldung ist dazu angetan, bei unseren Nachfahren Empörung, Verachtung und soziales Elend auszulösen. Jeder Bundesbürger steht, abgesehen von seiner privaten Verschuldung, jetzt schon mit 16.220 Euro in der Kreide. Und die Schuldenlast des Bundes wächst pro Sekunde um 2186, pro Minute

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30 Idea-Spektrum Nr. 1/2004, S. 7.
31 Bei Nawratil, a.a.O., S. 6.

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um 131.160 Euro. 32

Ganz allgemein ist man auf dem Weg der Autodestruktion (Selbstzerstörung) schon ein gutes Stück vorangekommen: Alles ist oder wird reduziert: Das Volk, die Einkommen, die Vermögen, die Firmen und Arbeitsplätze, die Bildung, die kulturellen Einrichtungen, die Infrastruktur. Und die Moral ist auch reduziert (Kriminalität, Korruption, Repression, Promiskuität etc.). Gelegenheit, sich um die eigene Schuld zu kümmern, gäbe es also zuhauf.

Drittens gilt:

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit" (Gal. 5,1)
„Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit" (2.Kor. 3,17).

Die Lösung des Schuldproblems liegt in der Vergebung durch Gott und in der Vergebung untereinander, nicht in „selbsteigner Pein" (Paul Gerhard) und nicht im „ewigen Tribut" (Peter Gauweiler). 33

Vergebung unter Menschen setzt freilich voraus, daß diese sich glaubwürdig und ohne bloße Verlagerung von ihrer Schuld lösen wollen und die Wurzel des Bösen in den Blick bekommen. Eine Haltung des In-se-curvatus-Seins (In-sich-Verkrümmt-Seins) (Luther) und der Selbstverachtung kann allenfalls als Durchgangsstadium akzeptiert werden. Wahre Buße, so sagt mit Recht der Theologe Schniewind, ist „Freude", eine Wende vom Schlechteren zum Besseren, von der Dunkelheit zum Licht, vom Gefangensein zur Freiheit, von der Gottferne zu Gott. In der Gottferne allein liegt letztlich auch die Wurzel allen Übels. Antoine de Saint-Exupery (1900 - 1944) sagte zu Recht:

„Wenn die Menschen gottlos werden, sind
die Regierungen ratlos,
die Lügen grenzenlos,
die Schulden zahllos,
die Besprechungen ergebnislos,
die Aufklärungen hirnlos,
die Politiker charakterlos,
die Christen gebetslos,
die Kirchen kraftlos,
die Völker friedlos,
die Verbrechen maßlos."

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32 Vgl. Der Spiegel Nr. 9/2004, S. 30.
33 Gauweiler in einem Interview, Focus Nr. 45/1995, S. 88.

Erneuerung und Abwehr 5/2004

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