„Politgeometrie oder Gesäßgeographie“?

Herr Schütze, Sonntag, 05. Februar 2012, 00:30 (vor 2054 Tagen) @ admin
bearbeitet von Herr Schütze, Sonntag, 05. Februar 2012, 01:43

Ich grüße Sie, Herr Lentze!

Selbstverständlich war der Nationalsozialismus nicht nur rechts bzw. rechtsextrem, sondern auch links bzw. linksextrem. Ob er allerdings sogar nur links bzw. linksextrem war, wage ich doch zu bezweifeln.

Ich habe diesbezüglich einen interessanten Anmerkung von Hubert Brune zu folgendem Text von Peter Sloterdijk gefunden: „Nach 1945 haben wir von Nationalsozialismus auf Sozialnationalismus umgestellt, parteiübergreifend (**|**|**|**). Folglich konnte damals der einzige real existierende Beinahe-Sozialismus der Welt auf deutschem Boden entstehen, in Form der guten alten Bundesrepublik Deutschland. Die DDR lieferte hierzu die Parodie.“ (Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 60 **). Dazu folgende Anmerkung von Hubert Brune:

„War der Nationalsozialismus primär ein Sozialismus und sekundär ein Nationalismus oder primär ein Nationalismus und sekundär ein Sozialismus? Seinem Namen nach ist die Antwort eindeutig: primär ein Sozialismus und sekundär ein Nationalismus. Man könnte aber auch meinen, daß er primär ein Nationalismus und sekundär ein Sozialismus war, oder?

Wortzusammensetzungen haben nur dann einen klaren Sinn, wie auch Ernst Nolte meint, „wenn der Akzent wirklich auf dem Substantiv liegt und wenn das hinzugefügte Adjektiv bloß eine zusätzliche, wenngleich wesentliche Bestimmung zum Ausdruck bringt. Der Nationalsozialismus war indessen nie primär ein Sozialismus, d.h. eine hauptsächlich von den Motiven einer inneren Klassenauseinandersetzung bestimmte Bewegung, sondern er war ein Sozialnationalismus des faschistischen Typs, und zwar in dessen radikalster Erscheinungsform.“ (Ernst Nolte, Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945, 1987, S. 478-479 **). Nolte meint offenbar, daß der Nationalsozialismus primär ein Sozialnationalismus und nur sekundär ein Nationalsozialismus, aber eben doch beides war, während Sloterdijk behauptet, daß der Sozialnationalismus der Nachfolger des Nationalsozialismus war. Recht gebe ich Nolte insofern, als daß der Nationalsozialismus beides war - nämlich primär ein Sozialnationalismus und sekundär ein Nationalsozialismus - , jedoch war er beides auf so sehr ähnliche Weise, daß ein Unterschied kaum zu erkennen ist. Der Nationalsozialismus war - linguistisch gesprochen - ein Sozialismus nationalistischer Art, und er war - historisch gesprochen - ein Nationalismus sozialistischer Art. Für Nolte war „er die am meisten links stehende der rechten Parteien ..., der fast ebenso viele linke wie rechte Züge aufwies.“ (Ernst Nolte, Der kausale Nexus, 2002, S. 362 **). Und „sein Hauptfeind wiederum, der in Rußland siegreiche Kommunismus, ... war die am meisten rechte der linken Parteien“ (ebd, S. 362 **). Auch meine Analyse kommt zu diesem Schluß. Der Bolschewismus (Sowjetismus, ob als Leninismus, Stalinismus u.s.w. oder auch als Maoismus u.v.a.) war selbstverständlich kein Kommunismus, sondern gab nur vor, einer zu werden, und war in Wirklichkeit ein russischer (in China ein chinesischer u.s.w.), also nationaler Sozialismus, der schon wegen der drohenden Unruhen einen Sozialismus (mit Aussicht auf das Paradies [den Kommunismus], worauf seine christlich-orthodox und islamisch geprägten Einwohner zumindest ansprechbar waren) zulassen mußte und nur über diesen Umweg sein eigentliches Ziel - den sozialen Nationalismus - verfolgen konnte (man denke nur z.B. an die Russifizierung des gesamten Sowjetreiches) - kurz: der Bolschewismus war primär ein Nationalsozialismus und sekundär ein Sozialnationalismus. So war er das eine mehr aus Gründen der „Sachzwänge“ und das andere mehr aus Gründen der Zielvorstellungen. Exakt umgekehrt war es bei Hitler und seiner Bewegung - nicht umsonst verstand sich Hitler als „Anti-Lenin“ (**|**|**). Der von Lenin begründete Bolschewismus war primär ein Nationalsozialismus und sekundär ein Sozialnationalismus, und der von Hitler begündete Nationalsozialismus war primär ein Sozialnationalismus und sekundär ein Nationalsozialismus. So, als hätte Hitler zu Lenin gesagt: Ich zeige dir, wie das geht, was du niemals kannst.

Die spiegelverkehrten Seiten von Nationalsozialismus und Bolschewismus machen aber trotzdem die sehr gravierenden Unterschiede in den Entwicklungsstufen der sie betreffenden Länder deutlich: hier Deutschland als die weltweit führende Nation in allem (ob in Kultur-, Wisenschaft, Technik Wirtschaft oder sonstigem **) und dort Rußland bzw. die Sowjetunion als „frühmittelalterlicher“ Zwangsssystem und vorindustrieller Gefängnisstaat (keine Nation, sondern ein Gefängnis), in dem außer Terror und Gewalt nichts funktionierte.

Diese beiden unterscheiden sich wie z.B. Tag und Nacht. Kein Wunder, daß Lenin von Deutschland absolut begeistert war und Hitler von Rußland absolut nicht. Lenin und später auch Stalin wollten Rußland industrialisieren, auf „Westniveau“ bringen - mit Gewalt! Hitler wollte Deutschland vom Weltrang 1 (**) zwar nicht auf einen niedrigeren Rang bringen, aber von diesem Rang aus gibt es nur niedrigere Ränge, d.h. wenn man hier etwas ändern will, kann es nur in eine Richtung gehen, und die Tatsache, daß andere Länder Deutschland um seinen Weltrang 1 beneideten, gierig nach ihm waren, ihn um jeden Preis haben wollten, und die andere Tatsache, daß Hitler seine Ideologie auch mit Gewalt in die Praxis umgesetzt sehen wollte, führten dazu, daß nach dem 2. Weltkrieg Deutschland seinen Weltrang 1 an die USA abgeben mußte.

Um auf Sloterdijks Aussage zurückzukommen: War es wirklich so, wie Sloterdijk behauptet, daß nach dem Ende des 2. Weltkrieges in Deutschland „von Nationalsozialismus auf Sozialnationalismus umgestellt“ worden ist, wenn doch schon der Nationalsozialismus selbst primär ein Sozialnationalismus und nur sekundär ein Nationalsozialismus war? Die zwei Hauptideologien im „Deutschland-der-Besatzer“ waren doch die der angelsächsisch dominierten Weltregion (der Globalkapitalismus mit dem Ziel: Ein Weltmarkt) und die der sowjetsch dominierten Weltregion (der Bolschewsismus, der, wie gesagt, primär ein Nationalsozialismus und sekundär ein Sozialnationalismus war). Zwischen diesen beiden Hauptideologien stand die alte Bundesrepublik von ihrem Anfang an, während die DDR von ihrem Anfang an nur dem Bolschewismus der Sowjets zu gehorchen hatte. Wer die alte Bundesrepublik noch bewußt erlebt hat, weiß, daß die Bolschewisten hier immer mehr Einfluß bekamen: je reicher die BRD wurde, desto einflußreicher wurde bei ihr die DDR, d.h. die Ideologie der Bolschewisten. Sloterdijk hätte also eher so formulieren sollen: Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurde in Deutschland von einem Nationalsozialismus, der primär ein Sozialnationalismus und sekundär ein Nationalsozialismus war, einerseits auf einen Bolschewismus, der primär ein Nationalsozialismus und sekundär ein Sozialnationalismus war, und andererseits auf einen Globalkapitalismus, der immer mehr durch diesen Bolschewismus gelähmt wurde, umgestellt. Und nach dem Mauerfall (09.11.1989) hat sich diese Entwicklung - für viele wider Erwarten - sogar noch enorm verstärkt, und zwar auch oder sogar besonders zugunsten des Bolschewismus (so, als hätte er doch noch, nämlich durch sein „Ende“, durch seine „Öffnung“ gesiegt!), weil ja die Ideolgie nicht verschwunden ist, sondern sich mehr denn je verbreitet und (wieder) verbündet hat (wo Liberalismus ist, da ist auch Sozialismus - und wenn sich diese beiden Todfeinde verbünden, ist ihr Kampf erst recht nicht vorbei!).

Hat sich 1990 wirklich die DDR der BRD oder nicht viel eher die BRD der DDR angeschlossen? Hat seit Ende des Kalten Krieges bei uns nicht der Bolschewismus mehr Sieg davongetragen als der Globalkapitalismus? Und das in einer Zeit, in der kein einziger Arbeitnehmer mehr augebeutet wird, aber sogar auch die Herrschenden so tun, als wäre es noch so, damit sie die Mittelschicht immer mehr ausbeuten, ja „fristgerecht“ enteignen und dabei auch noch ihr „schlechtes Gewissen“ beruhigen können. Das, was noch zur Zeit der Ausbeutung der Arbeitnehmer durch die privaten Unternehmer „rechte“ und „linke“ Ideologie und Politik war, hat sich längst geändert, nämlich umgedreht in einer Übergangszeit bis hin zu der Zeit der Ausbeutung der Mittelschicht durch den staatlichen „Unternehmer“ (das kleptokratische Monster „Leviathan“), die immer noch andauert und hoffentlich bald zu Ende gehen wird. Deswegen ist Sloterdijks Unterscheidung in „Altlinke“ (**|**|**) und „Neulinke“ (heutige Linke = frühere Rechte) richtig und zu ergänzen: „Altrechte“ und „Neurechte“ (heutige Rechte = frühere Linke). Welche Partei vertritt denn bei uns heute wirklich die Interessen der Mittelschicht? Eindeutige Antwort: Keine! Aber alle Herrschenden bei uns reden so, als ob sie sie verträten, um anschließend wieder die Steuern zu erhöhen und ihre eigenen Schulden allen Mittelschichtlern und deren Nachwuchs in immer größer werdenden Ausmaßen zuzuschieben, aufzubürden. Unsere Herrschenden lügen mehr als alle Herrschenden vor ihnen. Heute sind Rechte verboten, weil sie, nämlich als „Neurechte“ (heutige Rechte = frühere Linke), genau das sind, was früher die Linke, also die „Altlinke“, war: die Partei der Ausgebeuteteten. Genau davor haben unsere Herrschenden am meisten Angst, und genau deshalb - und nur deshalb - sind Rechte verboten! Die Ausgebeuteten kommen heute aus der Mittelschicht! Und nur aus ihr! Meine Forderung lautet: Laßt die Interessen der Mittelschicht zu! Laßt ihre Partei zu! Laßt ihre Rechte zu! Laßt die Rechte zu! Eure Angst vor der Revolution der gebenden Hand, dem Aufbruch der Leistungsträger u.s.w. ist - wie immer - Angst vor dem Machtverlust und sonst nichts!“

(Hubert Brune, Anmerkung zu: Peter Sloterdijk, Die nehmende Hand und die gebende Seite, 2010, S. 60 **).


Zu dem von Ihnen erwähnten Spiegel-Artikel (**) kann ich nur sagen, daß darüber schon alles gesagt ist, wenn man ihn nur erwähnt: Linke Journalisten sollen darüber urteilen, was links war und ist - das ist lächerlich! Zum Mitäufer Heinrich August Winkler habe ich ebenfalls einen einen interessanten Text von Hubert Brune gefunden, den ich Ihnen sogleich zukommen lassen werde. Die von Ihnen ins Netz gestellten Haffner-Zitate (**) sind dagegen sehr interessant.

Gruß!

H. S.


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