Nachhilfeunterricht.

Intensivlehrer, Montag, 06. Februar 2012, 15:44 (vor 2115 Tagen) @ admin
bearbeitet von Intensivlehrer, Montag, 06. Februar 2012, 17:38

Lieber Herr Lentze, ja, lustig bin ich. Aber lustig war mein letzter Text nicht gemeint.

Wenn Sie schreiben, Europa sei ein „Teil der eurasischen Kontinentalscholle“, dann bestätigen Sie das von mir Gesagte doch nur. Verstehen Sie das nicht?

Ich habe doch lediglich gesagt: Europa ist KEIN Kontinent, und - so gesehen - ist aus Sicht der Wissenschaft Europa eher ein NICHTS. So war das von mir gemeint. Gut, das war auch mit einem Hieb auf den Mainstream gesagt. Aber es stimmt trotzdem in der Sache. Europa ist ein Begriff der altgriechischen Mythologie. Alles andere, was dazukommt - auch das, was sie dazu geschrieben haben - ist dazugedichtet.

Keiner der damaligen Zeitgenossen hätte es auch nur ansatzweise in Frage gestellt, daß das orthodoxe Christentum zum Morgenland gehört. Das „Morgenländische Schisma“ von 1054 trennte das Abendland (das katholische Christentum) endgültig vom Morgenland (das orthodoxe Christentum) - endgültig (!), das bedeutet eben u.a.: sie waren auch schon vorher getrennt!

Herr Lentze, Sie sind vom Mainstream beeinflußt, ohne es zu wissen! Glauben Sie mir!

Ich habe auch Geographie studiert und auch Geschichte und Sprachwissenschaft, um hier einmal die für dieses Thema wichtigsten Disziplinen zu nennen.

[image]Wenn auch Sie wirklich Geographie studiert haben, dann frage ich mich, wieso Ihnen nicht klar ist, daß aus Sicht der Geologie - und die ist nunmal sehr bestimmend für die Geographie - ein Kontinent nicht zuallererst (bitte richtig lesen: nicht zuallererst!) von Flora und Fauna, schon gar nicht von „Humanem“ oder Kulturhistorischem“ her definiert wird. Die Kontinente werden zuallererst bestimmt von den Kontinentalplatten. Es gibt aber KEINE „europäische“ Kontinentalplatte, wohl aber eine eurasische. Es gibt sogar eine karibische Kontinentalplatte (so klein, ja!), aber eben KEINE europäische (siehe: Karte)!

Und was das Kulturelle angeht und die Grenzen des Abendlandes gegenüber dem Morgenland, so lasse ich einen „neutralen“ - zumindest von seinem Wohnort her (Nordamerika) - Wissenschaftler für mich sprechen:

[image]„Europas Grenzen im Norden, Westen und Süden werden durch große Gewässer gezogen, von denen das südliche klar unterscheidbare Kulturen trennt. Aber wo endet Europa im Osten? Wer soll als Europäer und damit als potentielles Mitglied der Europäischen Union, der NATO und vergleichbarer Organisationen gelten? Die zwingendtse und gründlichste Antwort auf diese Fragen liefert die große historische Scheidelinie, die ... westlich-christliche von muslimischen und orthodoxen Völkern trennt. Diese Linie geht auf die Teilung des Römischen Reiches im 4. Jahrhundert und auf die Errichtung des Heiligen Römischen Reiches (Deutscher Nation; I) im 10. Jahrhundert (durch die deutschen Sachsen-Kaise; I.) zurück. Ihren gegenwärtigen Verlauf nimmt sie ... im Norden ... entlang der heutigen Grennze zwischen Finnland und Rußland und den baltischen Staaten (Estland, Lettland, Litauen) und Rußland, durch das westliche Weißrußland, durch die Ukraine, wo sie den unierten Westen vom orthodoxen Osten trennt, durch Rumänien zwischen Transsylvanien mit seiner katholisch-ungarischen Bevölkerung und dem Rest des Landes, und durch das frühere Jugoslawien entlang der Grenze, die Slowenien und Kroatien von den anderen Republiken trennt. Auf dem Balkan fällt die Linie natürlich mit der historischen Grenze zwischen dem österreichisch-ungarischen und dem osmanischen Reich zusammen. Diese Linie ist die kulturelle Grenze (!!! I.) Europas, und in der Welt nach dem Kalten Krieg ist sie auch die politische und wirtschaftliche Grenze Europas und des Westens. Ein kultureller Ansatz liefert eine klare und eindeutige Antwort auf die Frage, die Westeuropäer bewegt: Wo hört Europa auf? Es hört dort auf, wo das westliche Christentum aufhört und Orthodoxie und Islam beginnen. Das ist die Antwort, die Westeuropäer hören wollen, die sie mehrheitlich, wenngleich sotto voce bestätigen und die von verschiedenen führenden Intellektuellen und Politikern ausdrücklich bekräftigt wird. Wie Michael Howard ausführt, ist es unerläßlich, die in den Sowjetjahren verwischte Unterscheidung zwischen Mitteleuropa und dem eigentlichen Osteuropa zu berücksichtigen. Mitteleuropa umfaßt »die Länder, die einst Teil des christlichen Abendlandes waren; die alten Länder des Habsburgerreiches, Österreich, Ungarn und die Tschechoslowakei, dazu Polen und die östlichen Grenzmarken Deutschlands. Die Bezeichnung ›Osteuropa‹ sollte jenen Regionen vorbehalten bleiben, die sich unter der Ägide der orthodoxen Kirche entwickelten: die Schwarzmeer-Gemeinschaften Bulgarien und Rumänien, die erst im 19. Jahrhundert aus osmanischer Herrschaft entlassen wurden, und die ›europäischen‹ Teile der Sowjetunion.« Die erste Aufgabe Westeuropas muß es nach Howard sein, »die Völker Mitteleuropas wieder in unsere kulturelle und wirtschaftliche Gemeinschaft zu integrieren, in die sie von Rechts wegen gehören ...«. Eine »neue Bruchlinie« sieht zwei Jahre später Pierre Bahar entstehen, »eine im wesentlichen kulturelle Scheidelinie zwischen einem Europa, das vom westlichen Christentum (römisch-katholisch oder protestantisch) geprägt ist, auf der einen Seite, und einem Europa, das vom Ostchristentum und islamischen Traditionen geprägt ist, auf der anderen Seite.« Ähnlich erblickt ein prominenter Finne die entscheidende Teilung in Europa ... in der »alten kulturellen Bruchlinie zwischen Osten und Westen«, die »die Länder des einstigen östereichisch-ungarischen Reiches sowie Polen und die baltischen Staaten« in das Europa des Westens einbezieht und die anderen osteuropäischen und Balkan-Länder ausschließt. Dies sei, pflichtet ein prominenter Engländer bei, »die große religiöde Scheidelinie ... zwischen der Ost- und der Westkirche; grob gesagt, zwischen den Völkern, die ihr Christentum direkt von Rom oder durch keltische oder germanische Mittler empfingen, und den Völkern im Osten und Südosten, zu denen es über Konstantinopel (Byzanz) kam. (hier folgen Quellenangaben *: Max Jakobson, Michael Howard, Pierre Bahar, Max Beloff [siehe Textende *]; I. ).“ (Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 250-254).“

Das ist die Sicht eines Menschen, der, obwohl auch er dem Mainstream der Macht folgt und obendrein aus den USA kommt, der noch die - früher fast allen geläufige -Unterscheidung von Morgen- und Abendland kennt. Ähnlich wie Huntington sehen das übrigens auch heute noch viele andere Wissenschaftler (Huntington nennt ja auch einige). Die von Herrn Schütze ins Forum gestellte Karte stammt von Hubert Brune, der auf eben folgende Quelle verweist: Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen, 1993-1996, S. 253.

Huntington spricht zwar auch häufig von „Europa“, aber er meint das Abendland (den „Westen“). Doch das ist für unser Thema auch überhaupt nicht entscheidend, weil es uns ja um die Grenzen zwischen Morgen- und Abendland geht - und die sieht Huntington genauso wie ich, d.h.: im Sinne der Überlieferung durch die Tradition.

Überzeugt Sie das immer noch nicht?

Oder wollen Sie das aus christlichen bzw. antroposophisch-christlichen Gründen nicht wahrhaben?

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Freundliche Grüße!

Ihr Intensivlehrer

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* Quellenangaben hierzu von S. P. Huntington:

Michael Howard, Lessons of the Cold War, in: Survival 36, 1994, S. 102f.; Pierre Bahar, Central Europe: The New Lines of Fracture, in: Géopolitique, 1992, S. 42; Max Jakobson, Collective Security in Europe Today, in: Washington Quarterly 18, 1995, S. 69; Max Beloff, Fault Lines and Steeples: The Divided Loyalties of Europe, in: National Interest 23, 1991, S. 78.“ (Ebd., S. 559).


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