Nachhilfeunterricht.

ntensivlehrer, Montag, 06. Februar 2012, 23:34 (vor 2115 Tagen) @ admin
bearbeitet von ntensivlehrer, Dienstag, 07. Februar 2012, 01:11

Lieber Herr Lentze!

Sie sprechen lediglich von der Geschichte des Christentums, nicht von der Geschichte der Kulturen - beide sind aber nicht exakt gleichzusetzen. Die Griechen, die Sie meinen, gehören selbstverständlich auch zum Christentum, und zwar vro allem als Vermittler, nämlich (1.) zwischen der antiken Kultur (den Heiden, wenn Sie das lieber lesen wollen) und der magischen Kultur, dem Morgenland, dann (2.) zwischen dem Morgenland und dem Abendland. Die Zeit, über die Sie sprechen, wenn Sie erwähnen, daß das Neue Testament „zuerst in Griechisch geschrieben“ wurde und „einige der Apostel ... Griechen“ waren, betrifft genau diese Zeit, als die Griechen keine apollinischen Antiken mehr waren (siehe 1.), aber auch noch keine echten Morgenländer, die sie dann aber wurden und bereits waren, als sie mit der Missionierung anfingen (siehe 2.). Die Missionierung wiederum hatte einen Wettbewerb zur Folge zwischen den morgenländischen Christen, die die Südslawen und Ostslawen misionierten, und den abendländischen Christen, die auch als Germanen und Romanen (= Ex-Römer + Germanen) zu bezeichnen sind und die die Westslawen missionierten. Diese Einteilung und Abgrenzung besteht bis heute.

Der Wettbewerb zwischen Morgenländern und Abendländern nahm immer groteskere Formen an, führte zu mehreren Schismen. Es gab den Bilderstreit, der 730 begann und sich lange hinzog und mit ein Grund dafür war, daß sich die westliche Kirche von der östlichen abwandte (die Päpste verbündeten sich mit dem Frankenreich, aus dem später Frankreich und Deutschland hervorgingen), d.h. der Bruch zwischen dem Morgenland und dem Abendland vollzog sich eigentlich schon im 8. Jahrhundert und nicht erst im Jahre 1054 mit dem Morgenländischen Schisma, das, wie schon gesagt, auch Griechisches Schisma heißt und die Endgültigkeit dieses Bruchs nur noch bestätigte.

Die Griechen wie auch später die von ihnen missionierten Süd- und Ostslawen hatten mit dem Abendländern seit etwa dem Ende des 8. Jahrhunderts so gut wie nichts mehr zu tun. Man darf die Beurteilung darüber, wer zu welcher Kultur gehört, nicht immer nur im Hinblick auf den Glauben, auf die Religion und auf die Theologie beziehen, die zwar alle wichtig sind, aber nicht ausreichen, um die Entwicklungen der gesamten Kultur, die politischen Entscheidungen, die Kriege, die Wirtschaftbeziehungen und vieles mehr zu erklären. Die Tatsache, daß sich bestimmte Menschengruppen spinnefeind sind und sich bekriegen, spricht weniger dafür, daß sie verschiedenen Kulturen angehören, als viel mehr dafür, daß sie derselben Kultur angehören - und genauso war es auch mit den Zarathustra-Anhängern, den Mazdaisten u.v.a, den Juden, den Arabern (als sie noch keine Moslems waren), den Moslems, den (orthodoxen) Christen. Die magische Kultur ist eine Kultur der Religionen. Wir im Abendland verstehen das nicht, weil wir nur eine Religion und einige Ableitungen daraus (die größte davon ist der Protestantismus) haben, aber wir haben auch die Menschengruppen, die sich spinnefeind sind und sich bekriegen - nur sind das bei uns nicht so sehr religiös motivierte Gruppen, sondern national motivierte. Das Nationale wiederum kennen die Morgenländer nicht (und wenn heute doch halbwegs, dann deswegen, weil wir Abendländer ihnen das beigebracht haben). Die Griechen haben sich erst gegen die Fremdherrschaft durch die Türken gewehrt, nachdem diese schwächer geworden waren und - vor allem - die abendländischen Nationen sie dazu mit eben ihren nationalen Argumenten motiviert hatten (Hölderlin hat sehr viel darüber geschrieben). Erst seitdem wissen auch sie, was eine Nation ist, aber so richtig begriffen haben sie es immer noch nicht, weil sie seelisch eben doch Morgenländer geblieben sind.

Ob eine Religionsgemeinschaft mehr zu dieser oder jener Kultur gehört, erkennt man nicht unbedingt primär an der Religion selbst.

Zum Morgenland gehören nicht nur semitische Völker, sondern auch indogermanische (arische). Ich glaube nicht, daß die Biogenetik besser als die Kulturgeschichte dazu geeignet ist, die Zusammengehörigkeit der Kulturen oder gar Religionen herauszufinden. Wenn es die Biogenetik bzw. die Rassenkunde wäre, dann wären alle Indogermanen (Arier) Heiden geblieben und alle Semiten Moslems geworden. So ist es aber nicht. Viele Religionen sind ja gerade deshalb entstanden, weil in der Nachbarschaft und also oft eben auch in der biogenetischen Verwandtschaft Zwistigkeiten darüber entstanden waren, wer zu welcher Religionsgemeinschaft zu gehören habe. Der Streit, die Kriege, die Politik und vieles andere selber aber können einem sehr wohl zeigen, welche Völker kulturell verwandt sind, also kulturell zusammengehören, gerade weil sie sich ständig bekämpfen, bekiegen und anfeinden.

Ich war schon oft in Griechenland, z.B. im Juli 1982, als dort fast alles noch so billig war wie heute in Papua-Neuguinea, und später, z.B. im November/Dezember 2010 und im September 2011, als fast alles schon genauso teuer war wie in Deutschland. Was ich damit sagen will, ist, daß ich nichts gegen Griechen habe. Eher im Gegenteil! Sonst hätte ich nach der Euro-Einführung meinen Urlaub nicht mehr dort, sondern in Papua-Neuguinea verbracht. Das können Sie mir beruhigt glauben! Es ist sehr teuer geworden in Griechenland. Sehr teuer! Einiges ist sogar teurer als in Deutschland (obwohl auch in Deutschland alles sehr viel teurer geworden ist!), vieles gleich (gleich - ah, Egalitarismus, also Sozialismus) teuer und nur noch sehr wenig billiger. Trotzdem habe ich meinen Urlaub dort verbracht!

Mit freundlichen Grüßen!

Ihr Intensivlehrer


gesamter Thread:

 RSS-Feed dieser Diskussion

powered by my little forum