Der Kulturreferent (ca. 1983)

trel ⌂, Montag, 05. März 2012, 14:58 (vor 2087 Tagen)
bearbeitet von admin, Mittwoch, 14. März 2012, 21:56

Vorbemerkung:

Der folgende Entwurf hat einen merkwürdigen Bezug - um nicht zu sagen eine tiefere Bedeutung -, wenn man ihn auf das bezieht, was sich zwischen meinem Vater und dem Schriftsteller Friedrich Griese, nach Schilderung des letzteren, im Jahre 1945 abgespielt hat. Vergleiche hierzu meine entsprechende autobiografische Seite. Auf diesen (scheinbaren?) Zusammenhang bin ich erst gestern gekommen; daher jetzt der Abdruck dieses Entwurfes auch an dieser Stelle.

Der Kulturreferent (Entwurf, ca. 1983).

Mitten im Verlaufe der Krisensitzung geschah es, daß sich an der Saaldecke plötzlich eine Luke öffnete und ein annähernd menschengestaltiges, sehr schweres Objekt in einen dafür offenbar bereitgestellten Torfkübel fiel. Obwohl dies eine heftige Erschütterung des ganzes Gebäudes zur Folge hatte, nahm kaum jemand Notiz von diesem Ereignis, woraus wir entnehmen können, daß jenes Objekt dem Normalkomitee angehörte. Es handelte sich um den Kulturreferenten.

Genauer betrachtet hatte er viel Ähnlichkeit mit einem explosionsbetriebenen, elektrisch zündbaren Stampfhammer ingestalt einer ca. 1,50 m hohen Säule, wie er im Straßenbau zur Planierung des Untergrundes verwendet wird. Während ein solches Gerät jedoch an einem Griff gehalten und per Knopfdruck gezündet werden muß, worauf es dann jedesmal in die Höhe springt, funktionierte der Kulturreferent ganz selbständig, denn er hatte in seinem Zylinderkopf nicht nur eine Zündkerze, sondern auch eine Art Gehirn. Hierbei handelte es sich um eine Hybridausführung, bestehend teils aus grauer Masse, wie man sie bei Paralytikern im Endstadium findet, teils aus integrierten Schaltkreisen, wie sie bei Computern zur Anwendung kommen. Obwohl hiermit eine ungewöhnliche Kombination gegeben war, muß doch gesagt werden, daß bemerkenswerte Denkleistungen zu keiner Zeit beobachtet worden sind.

Auf dem Zylinderkopf trug er einen Zylinderhut. Dieser reizte viele Menschen, denen der Kulturreferent im Gefolge von lädierten Füßen und zerstampften Kunstwerken in lebhafter Erinnerung verblieben war, zu einem Faustschlag; doch machte jeder von ihnen die schmerzhafte Erfahrung, daß der Hüpferling unter dem Hut eine Art Pickelhaube trug, das heißt, die Zündkerze lief spitz nach oben zu und führte mit jedem Hüpfer außerdem die volle Zündspannung von 18 kVss. Diese Tatsache in Verbindung mit seiner Stahlkonstruktion und dem dadurch bedingten Eigengewicht machten den Kulturreferenten so gut wie unangreifbar.

Richten wir unseren Blick nunmehr nach unten, so erkennen wir, daß der Stampfhammer zweigeteilt war und somit in zwei metallene Füße endete, die man ihrer Formgebung nach am ehesten als "Quadratlaatschen" zu bezeichnen hätte. Einzeln konnte er sie allerdings nicht bewegen, was infolge seiner hüpfenden Fortbewegung auch unnötig gewesen wäre. - In Brusthöhe, wo das Luft-Treibstoff-Gemisch verbrannt wurde, traten in paariger Anordnung je zwölf magere Kühlrippen zum Vorschein, sofern sie nicht gerade - vor Allem an Sonn- und Feiertagen - durch einen altmodischen, zerlöcherten Frack bedeckt wurden, dessen hintere Ausläufer dicht über dem Fußboden, also in Höhe der Quadratlaatschen, abgerissen waren.

Zwischen den Zähnen hatte er stets eine wertvolle Zigarre, die gegen ein Wegfliegen durch eine goldene Kette gesichert war, wie sie bei Taschenuhren im Gebrauche sind. Diese Maßnahme war durchaus notwendig, denn nach jeder Zündung bzw. mit jedem Hüpfer stieß er aus seinem Munde eine schmutzig-graue, stinkende Qualmwolke hervor; sie bildete sich aus den unvollständig verbrannten Gasen, welche mit großer Heftigkeit ihren Weg ins Freie suchten. Akustisch war dieser Vorgang einem lauten Husten oder Pupsen zu vergleichen. In der Folge flog ihm jedesmal die Zigarre aus dem Mund und wirbelte für einen Moment an der Kette herum, bis sie wie durch Geisterhand wieder in den Mund bzw. After zurückfand.

Ja, überhaupt ist die Fortbewegungsweise des Kulturreferenten am treffendsten charakterisiert, wenn man sagt, er hustete sich von einem Fleck zum andern. Wollte man ihn aber während einer Aktivitätsphase zum Stillstand bringen, so war dies seiner geistigen Trägheit wegen durch einen einfachen Anruf nicht zu erreichen; hier half als Sofortmaßnahme einzig das Bespritzen mit Hustensaft, notfalls auch mit einfachem Wasser. Darum befand sich im Normsaal des Rathauses an der Wand unmittelbar neben dem Feuerlöscher noch ein zweiter, hustensaftgefüllter Druckbehälter mit Schlauch und Düse, welcher in seiner Farbe der Verpackung von Eukalyptusbonbons entsprach.

Es sei an dieser Stelle erwähnt, daß das Haus, welches der Hustehammer - zusammen mit einer weiblichen Riesenschildkröte - bewohnte, keine Tür und keine Fenster, aber auch kein Dach besaß. Um es zu betreten, sprang er einfach über die Außenmauer; und ebenso sprang er über die Zwischenwände, wenn er die Zimmer wechselte. Einer der Räume war als Werkstatt eingerichtet. Hier zog er seine Schrauben an, die sich mit jedem Hüpfer immer ein wenig lockerten. Natürlich konnte der Regen ungehindert in das Haus fallen; doch gegen die Folgen schützte er sich, indem er sich regelmäßig ein Rostschutzmittel unter den Frack sprühte, genau so wie sich andere Menschen ein Deodorans unter die Achseln sprühen. Außerdem waren überall in den Fußböden Gullys eingelassen, wie sie in Waschküchen üblich und notwendig sind.

An dieser Stelle sei ein Ereignis mitgeteilt, das geeignet sein könnte, ein Urteil über die Fähigkeit des Kulturreferenten zur Selbstbeherrschung sowie über seine Intelligenz herbeizuführen. Es geschah nämlich, daß der Besagte bei klirrendem Frost versehentlich eine Böschung hinabschlidderte und dadurch auf einen zugefrorenen See geriet. Vernünftigerweise hätte er mit seinen fortgesetzten inneren Explosionen jetzt innehalten müssen; dann nämlich wäre er vermöge seiner Schwungkraft über das Eis hinweggeglitten und am gegenüberliegenden, dort weniger steilen Ufer wieder auf festen Boden gekommen. Stattdessen fuhr er heftig zu husten fort, worauf er aber durch das Eis brach und sofort auf den Grund sank. Da dieser sehr schlammig war und ein selbsttätiges Abheben des Verunglückten somit nicht erlaubte, hätte er schließlich mithilfe eines Kranes unter großem Zeitaufwand wieder herausgehoben werden müssen, wäre er nicht durch bloßen Zufall auf eine Tellermiene geraten, welche ihn trotz seines hohen Gewichts mit ungewöhnlicher Schnelligkeit wieder zutage förderte. Überhaupt war eine Nebenbeschäftigung des Kulturreferenten das Entschärfen von Bomben. Zwar flog er dabei jedesmal in die Luft, doch machte ihm selbst das gar nichts aus; lediglich umstehende Menschen und Gebäude wurden durch sein Niederfallen bisweilen in Mitleidenschaft gezogen.

Nach eingehender Betrachtung und Würdigung des bisher Mitgeteilten wird uns die Feststsellung nicht mehr überraschen, daß der Kulturreferent gerade bei den Kulturschaffenden nicht sonderlich beliebt war. Genaugenommen hatte er nämlich die Funktion eines Zensur-Beamten. Wurde ihm nun irgendein Werk zur Prüfung auf mögliche Normwidrigkeit vorgelegt, so pflegte er mit dem stereotypen Ausspruch "euch werd' ich was husten" darauf zuzuhopsen, und fast augenblicklich war jedes Buch, jedes Bild oder jeder sonstige Kunst- oder Kulturgegenstand eingestampft. Hatte er einmal damit begonnen, so konnte er selbst durch Anspritzen mit Hustensaft nicht mehr lahmgelegt werden. Berichtet wird allerdings, daß eine Sektflasche, die ihm zwischen die heißen Kühlrippen gestoßen wurde, einen Aussetzer verursachte; ein einzigesmal soll auch ein Hammerschlag auf den Zylinderhut, d.h. auf die Zündkerze, zu einem definitiven Abbruch geführt haben.

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